"Keine Chance gegen einen Wahnsinnigen"
Ganz Frankfurt ist tief erschüttert

Trauer und Entsetzen in Frankfurt - Sachsenhausen: Nach dem grausamen Verbrechen an dem kleinen Jakob von Metzler treffen sich geschockte Anwohner vor einem Supermarkt nahe der Bushaltestelle, wo sich die Spur des Elfjährigen am Freitag verlor. Viele haben Jakob auf den Fahndungs-Fotos als eines der Kinder erkannt, die jeden Mittag mit dem Bus von der Schule kommen.

HB/dpa FRANKFURT/MAIN. Nachdem die Nachricht vom Tod bekannt geworden ist, ringen die Anwohner um Worte. Vor der Villa der Bankiersfamilie kämpfen Passanten mit den Tränen.

"Man denkt, so was kann hier gar nicht passieren", sagt ein 15- Jähriger, der mit einigen Freunden vor dem Supermarkt steht und Jakobs Bruder vom Sehen kennt. Seinen Kumpels fehlen die Worte: Einer schluckt, ein anderer zuckt mit den Achseln. Ein 16-Jähriger behauptet, er kenne den Hauptverdächtigen: Der 27-jährige Jura- Student habe gegenüber der Bushaltestelle gewohnt und sei "eigentlich ganz lustig und nett" gewesen. "Das kann man gar nicht glauben."

Eine 49 Jahre alte Mutter dreier Kinder meint: "Man muss immer mehr Angst haben um die Kinder. Ich lasse die kaum noch aus den Augen." Eine 42-Jährige sagt betroffen: "So eine fürchterliche Sache. Wenn mit einem meiner beiden Kinder so was wäre - unvorstellbar." Eine Apothekerin stammelt unter Tränen: "Mir geht das sehr nahe, ich möchte mich dazu nicht äußern."

Von der Bushaltestelle Stresemannallee/Mörfelder Landstraße hatte Jakob nur einen etwa zehn Minuten langen Fußweg bis nach Hause. Der Weg führt an einer stark befahrenen Hauptstraße entlang, unter einer S-Bahn-Brücke hindurch, an einem Waldspielplatz vorbei ins Villenviertel. Irgendwo auf diesem Weg muss Jakob am Freitagvormittag - auf dem Weg in die soeben begonnenen Herbstferien - entführt worden sein.

Einige Anwohner der vom sozialen Wohnungsbau dominierten Gegend um die Bushaltestelle vermuteten den Täter gleich im eigenen Revier: "Das ist ein böses Viertel. Hier muss man Angst haben", sagt eine 75- Jährige. "Hier werden schon am helllichten Tag Leute überfallen", stimmt eine ehemalige Lager-Angestellte zu. Die Verkäuferin eines Blumenladens berichtet von zahlreichen Einbrüchen in den umliegenden Geschäften. "Viele haben oft mit der Polizei zu tun", sagt ein Streifenpolizist.

Direkt neben der Bushaltestelle steht ein Hinweisschild für Radfahrer: "Langener Waldsee 11,3 Kilometer". Das waldreiche Gebiet um den Baggersee hatten mehrere Hundertschaften der Polizei zusammen mit Spürhunden den ganzen Tag über durchsucht - vergeblich. Jakobs Leiche wurde nach Hinweisen des Verdächtigen mehr als 70 Kilometer nordöstlich von Frankfurt gefunden.

"Ich habe überlegt, ob ich irgendetwas sagen oder tun kann", berichtet eine Nachbarin von Jakobs Eltern, die mit ihrem Hund an der Leine auf dem Fahrrad vor der Villa vorbei fährt. Aus lauter Verzweiflung habe sie das Tier - vor der traurigen Gewissheit - das Waldstück neben der Villa absuchen lassen. Der Hund und die Frau kannten Jakob, weil er mit ihrem Sohn Tennis spielte.

Hinter der verschlossenen Tür der Carl-Schurz-Schule klingelte den ganzen Tag über ständig das Telefon. Das Gymnasium in Sachsenhausen, in dessen 6. Klasse Jakob ging, besuchen rund 930 Schüler aus gutbürgerlichen Familien. Direktor Volker Räuber war fassungslos, als er am Bodensee von der Entführung hörte. Er brach sofort seinen Urlaub ab. Den ganzen Tag über stand er in Kontakt mit Schülern, Kollegen und Eltern. "Es wäre mir lieber, wenn die Schüler jetzt da wären, dann könnte ich direkt mit ihnen sprechen. Ich muss jetzt erstmal überlegen, wie wir reagieren, ob wir sie in den Ferien einladen."

Ob Jakobs Eltern Angst vor einer Entführung hatten, weiß Räuber nicht. "Seien wir ehrlich, wenn so ein Wahnsinniger auftaucht, hat man doch keine Chance." Sie hätten ihre Kinder, wie viele andere vermögende Frankfurter Familien auch, bewusst auf eine öffentliche Schule geschickt.

Im Bankhaus Metzler fühlten die Beschäftigten mit der Familie. "Wir sind ein kleines Unternehmen, in dem man sich kennt, auch die Kinder", sagte Banksprecher Jörg-Matthias Butzlaff vor dem Bekanntwerden von Jakobs Tod. Die meisten seiner rund 600 Kollegen versuchten, sich über die Arbeit von dem schrecklichen Geschehen abzulenken.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%