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Keine Entwarnung beim Dax

Notorische Gesundbeter wollen die Wende beim Dax herbeireden. Die Fachleute in den Banken sind dagegen zurückhaltend. Zykliker werden größtenteils gemieden, defensive Aktien rücken in den Blickpunkt.

FRANKFURT. Der Dachs hält keinen echten Winterschlaf, verbleibt jedoch in der kalten Jahreszeit oft Wochen, ja sogar Monate in seinem Bau (Winterruhe) und zehrt von seinen im Herbst angesetzten Fettreserven (,Feist?)." In der Jägersprache des Magazins "Waidwerk" ist das Verhalten des "schwersten Vertreters der Marderartigen" also weitgehend berechenbar, was man von seinem "Artgenossen" in der Finanzwelt, dem Dax, freilich nicht behaupten kann.

Denn die Research-Abteilungen der Banken sind in diesem Jahr mit ihren Prognosen tendenziell zurückhaltend, vor allem wegen der zu erwartenden konjunkturellen Unwägbarkeiten im kommenden Jahr. In den vergangenen Monaten wurden die Wachstumserwartungen für die globale Wirtschaft im kommenden Jahr kontinuierlich nach unten revidiert. So rechnen die Volkswirte der Deutschen Bank für 2001 nur noch mit einem weltweiten Plus von 4,2 Prozent nach 5,0 Prozent im zu Ende gehenden Jahr. Damit verknüpft werden niedrigere Gewinnerwartungen für die Unternehmen, denn die hohen Ölpreise und die Zinserhöhungen seitens der Europäischen Zentralbank zeigten erste Bremsspuren in den Bilanzen der großen Konzerne. Besonders offensichtlich wird dies in der Regel zuerst bei den Zyklikern.

Mit den Revisionen für die Erträge im kommenden Jahr haben sich auch die Bewertungen verändert. "Auf Grundlage der Gewinnschätzungen für die kommenden zwölf Monate ist der Dax bei 7 000 Punkten um rund zehn Prozent überbewertet", rechnet Bernd Meyer, Aktienstratege der Deutschen Bank, vor.

Auch Ralf Kugelstadt vom Research bei UBS Warburg hegt Bedenken hinsichtlich der Konjunkturentwicklung. Vor allem die außenwirtschaftliche Dynamik scheine nachzulassen. Das würden die exportabhängigen Unternehmen zu spüren bekommen, zumal der schwache Euro nicht für alle Zeiten als Verkaufsförderung zur Verfügung stehen sollte. Wenn bei nachlassendem Volumenwachstum der Preisdruck zunimmt, sei es ganz wichtig, was nächstes Jahr mit den Löhnen passiere. "Erhöhungen um 2,5 bis 3,0 Prozent schlagen dann auf die Gewinndynamik durch, insbesondere im zyklischen Bereich", meint Kugelstadt.

Mit der eher verhaltenen Einschätzung zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Euroland und den USA im kommenden Jahr werden die zyklischen Aktien derzeit tendenziell gemieden. Zu spüren bekommen haben das schon Infineon und in abgeschwächter Form auch BASF. "Um bei Zyklikern einzusteigen, ist es aus unserer Sicht noch zu früh", warnt auch Meyer. Investoren sollten sich vorerst mit konjunkturunabhängigen Wachstumswerten aus den Bereichen Pharma sowie Versorgern und nicht-zyklischen Konsumwerten absichern.

Erholung frühestens in sieben Monaten

Frühestens in sieben bis acht Monaten prognostizieren einige Fachleute bei den Banken eine echte, breit angelegte und durchgreifende Erholung bei den Blue Chips.

"Wenn ein Strom negativer Nachrichten zu Restrukturierungen bei den Großkonzernen führt und Zinssenkungen erwartet werden, könnte die Wende einsetzen", so Kugelstadt, der sich ein solches Szenario in der zweiten Hälfte 2001 vorstellen kann. Selbst die Deutsche Telekom könne dann wieder zum Einstieg reizen.

Aber was soll der Anleger in der Zwischenzeit anfangen, schließlich ist über ein halbes Jahr zu überbrücken? Fast durchweg favorisieren die Analysten so genannte defensive Werte, an erster Stelle Versorger und Pharmawerte. Ferner bleiben die Versicherungstitel weiter als gute Anlagealternative im Gespräch, auch wenn etwa die Allianz schon recht teuer geworden ist. "Längerfristig heißt die Story bei der Assekuranz private Altersvorsorge", so Volker Borghoff, Stratege bei der DG Bank. "Hinein in defensives Wachstum", könne aktuell das Motto heißen, wobei vor allem die Versorger keine schlechte Figur machen dürften, da der Druck auf die Strompreise langsam nachlasse und die Branche im bisherigen Jahresverlauf nicht so sehr im Rampenlicht gestanden habe.

Deutsche Bank, Eon, Allianz, Siemens, Preussag und im Technologiesektor Epcos - das sind die "Top Picks" der Analysten vor dem Winter. Aber der private Investor sollte nur einen überschaubaren Teil seines Portfolios in diese Werte umschichten, denn für Borghoff sind kurzfristig kaum "locker 20 bis 25 Prozent Kursgewinn zu erreichen".

Wer Aktien mit Verlust abgestoßen hat, kann sich zumindest mit einem kleinen Steuergeschenk trösten. Verluste, die innerhalb der Spekulationsfrist erzielt wurden, können gegen erzielte Spekulationsgewinne aufgerechnet werden. Dabei können die Verluste ins vergangene Jahr oder in kommende Jahre übertragen werden.

Abwarten, sich hier und da engagieren und sonst Liquiditätsreserve halten, lautet die Devise. Eben wie der Dachs auch - entspannt im Winterbau ruhen und die Dinge draußen aufmerksam verfolgen.

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