Keine Entwarnung für Europa: Verzweifelter Kampf gegen SARS

Keine Entwarnung für Europa
Verzweifelter Kampf gegen SARS

Asiens Gesundheitsexperten versuchen, die Lungenseuche einzudämmen, die sich dramatisch ausbreitet. Bisher mit wenig Erfolg. Die US-Notenbank spricht von einer "Wachstumsbremse".

HB DÜSSELDORF. Die Lungenkrankheit SARS ist möglicherweise bedrohlicher als bislang angenommen und stellt auch für Europa eine Gefahr dar. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht von einer Sterblichkeitsrate zwischen 5 und 6 Prozent aus. Das britische Imperial College London, Sitz eines der weltweit führenden Institute für Infektionskrankheiten, glaubt gar, dass zwischen 8 und 15 Prozent der Erkrankten sterben könnten.

Als Zentrum der Epidemie gilt nach wie vor Peking. Dort wurde das öffentliche Leben inzwischen stark eingeschränkt. Nach den Schulen sind jetzt auch Universitäten, Karaoke-Bars, Internet-Cafés, Videospielhallen, Theater, Tanzsäle und Kinos geschlossen. Obwohl sich die Epidemie dort weiter ausbreitet, äußerte sich Staatsoberhaupt Hu Jintao in einem Telefonat mit US-Präsident George W. Bush zuversichtlich, dass sein Land die Krankheit "wirksam eindämmen" könne.

Die aktuellen Zahlen sprechen indes eine andere Sprache. Fast 8 000 Chinesen sind bereits in Quarantäne. Weltweit nimmt die Zahl der Erkrankten zu. Mittlerweile haben sich nach WHO-Angaben 4 836 Menschen mit dem Erreger des Schweren Akuten Atemwegssyndroms (SARS) infiziert. 293 sind daran gestorben. Betroffen sind 26 Länder. Neben China verzeichnen vor allem Singapur und Kanada steigende Zahlen von Erkrankten.

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin hält SARS auch in Europa für eine ernst zu nehmende Gefahr. "Das kann uns über Nacht erwischen", sagte der Vorsitzende der Gesellschaft, Prof. Klaus-Henning Usadel (Frankfurt), am Sonntag vor der Eröffnung eines Internistenkongresses in Wiesbaden. Wie das Beispiel Kanada zeige, seien hoch entwickelte Länder ebenso bedroht wie Asien. Auch in Europa könne es zu einer "gefährlichen Situation" kommen.

Ob Deutschland dafür ausreichend Vorsorge trifft, ist allerdings umstritten. "Wir haben die Dinge gut unter Kontrolle", sagte die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin, Susanne Glasmacher. Das RKI koordiniert in Deutschland die SARS-Maßnahmen. Dem widerspricht heftig Herbert Schmitz, Virologie-Chef beim renommierten Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Er plädierte für mehr Kontrollen an den Flughäfen.

Die US-Zentralbank weist deswegen bereits auf die Gefahren für die Weltkonjunktur hin. In ihrer jüngsten Regionalbetrachtung der US-Wirtschaft machte sie erstmals SARS als möglichen Wachstumshemmer aus.

Auch in den deutschen Unternehmen, die einen Großteil ihrer Umsätze in Asien erwirtschaften, wächst die Sorge vor einer Ausbreitung der Lungenkrankheit. Konzerne stellen sich auf Ertragseinbußen ein. Wegen ihrer starken Ausrichtung nach Fernost wird die Lufthansa wahrscheinlich am stärksten in Mitleidenschaft gezogen. Durch die SARS-Krise ist mit Asien nun auch die letzte Wachstumsregion der Luftfahrt vom Negativ-Szenario erfasst worden. Der designierte Konzernchef Wolfgang Mayrhuber spricht von einer "unheiligen Allianz aus Konjunkturschwäche, Irak-Krieg und der Lungenkrankheit SARS". Auch Europas größter Urlaubsmacher Tui leidet unter den SARS-Schlagzeilen, die den Aktienkurs des Reisekonzerns wieder einmal auf Talfahrt geschickt haben.

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