Keine Hinweise auf schnelle Zinssenkung
Änderung der Zinspolitik nach Aktien-Crash?

Mit Spannung erwarten die Märkte den Monatsbericht der Europäischen Zentralbank (EZB) für August, den sie heute vorlegen wird. Sie erhoffen sich Hinweise auf die Zinspolitik. Doch Hinweise auf eine schnelle Zinssenkung wird es wohl nicht geben.

HB FRANKFURT. Führende Volkswirte gehen davon aus, dass der Bericht zwar auf vermehrte Unsicherheiten verweisen wird. Den lauter werdenden Forderungen nach raschen Zinssenkungen im Euro-Raum werde er aber keine Grundlage liefern.

Noch vor wenigen Wochen war allgemein erwartet worden, dass der EZB-Rat die Euro-Leitzinsen im Sommer, spätestens im Herbst anheben werde. Nach der Verschlechterung der Wachstumsperspektiven in den Vereinigten Staaten und den Kurskorrekturen an den Aktienmärkten hat sich diese Erwartung aufgelöst. Die EZB selber hat bisher betont, dass angesichts der großen Unsicherheiten eine abwartende Haltung die angemessene Zinspolitik sei. Inzwischen mehren sich aber die Stimmen, die aus Sorge um die konjunkturelle Erholung im Euro-Raum für niedrigere Notenbankzinsen plädieren.

"Die EZB wird sich nicht in eine Weltuntergangsstimmung hineinziehen lassen", sagte Joachim Scheide, Konjunkturexperte beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel, dem Handelsblatt. Damit sie eine Zinssenkung in Erwägung ziehe, müsse es bis Jahresende einen Konjunkturrückschlag geben. Der sei derzeit nicht in Sicht. "Solange die Finanzmärkte nervös und volatil sind, wird die EZB die Zinsen zwar nicht anheben", meint Scheide. "Die momentan lautstark geforderte Zinssenkung wäre aber völlig falsch, weil die Geldpolitik nach allen Maßstäben schon expansiv ausgerichtet ist."

Bisher habe es nur eine Neubewertung der Aktien gegeben, die zum Teil mit den Bilanzskandalen in den USA zu tun habe, zum Teil mit der Neueinschätzung der fundamentalen Wirtschaftskräfte, vor allem in den USA. Zunächst werde sich dadurch nur die Prognose für die Exporte leicht nach unten ändern.

"Die EZB wird darauf hinweisen, dass die Liquiditätsausstattung im Euro-Raum noch immer reichlich ist", vermutet Scheide. Sie werde dabei bleiben, dass die Inflationsrate noch nicht genügend zurückgegangen ist. Der Verbraucherpreisindex steigt immer noch mit Raten von um die 2,0 %. Die Kerninflationsrate liegt sogar hartnäckig darüber.

Auch nach Ansicht des Chefvolkswirts der Hypo-Vereinsbank, Martin Hüfner, wird die EZB auf nach wie vor bestehende Preisrisiken hinweisen. "Sie haben aber sicherlich nicht zugenommen", betont der Ökonom.

Hüfner kann sich nicht vorstellen, dass die Kurskorrektur an den Aktienmärkten im Augenblick eine Änderung der Zinspolitik der EZB auslösen wird. Der Monatsbericht werde aber deutlich machen, dass die Risiken der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung im Euro-Raum gestiegen sind. Hüfner wünscht sich, "dass dies bei den Währungshütern ein Nachdenken über eine angemessene Reaktion der Geldpolitik auslösen wird - im Spannungsfeld von Preisentwicklung, Konjunktur, Wechselkurs und Preisentwicklung". Ein Grund für eine schnelle Zinssenkung wäre für Hüfner "der Gau an den Finanzmärkten. Aber den haben wir noch nicht."

Nach Ansicht von Hüfner wird die EZB auch ihre "große Sorge" über die Finanzpolitik im Euro-Raum zum Ausdruck bringen. Eine Aussetzung der Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspaktes zur Förderung der Konjunktur, wie es die Deutsche Bank vorgeschlagen hat, lehnen Scheide und Hüfner ab.

Auch in Großbritannien ist vorerst wohl nicht mit einer Zinssenkung zu rechnen. In ihrem jüngsten Inflationsreport deutet die Bank von England (BoE) an, dass die Zinsen zunächst auf dem bisherigen Niveau von 4,0 % bleiben. Die Inflationsrate dürfte nach Ansicht der Notenbank im vierten Quartal "die meiste Zeit unter dem Ziel von 2,5 % liegen", bevor sie wieder steigt. Beim Wirtschaftswachstum sehen die britischen Währungshüter erst nach dem vierten Quartal die Rückkehr zum Zweijahres-Ziel von 2,5 %. Derzeit könne man noch nicht beurteilen, wie stark die Aktienmarktverluste das Geschäfts- und Konsumklima belasteten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%