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Keine Hoffnung für Marokko

Stefanie Müller, Madrid/Rabat Das Königreich Marokko fürchtet durch die politische und wirtschaftliche Krise der EU Nachteile für den eigenen Entwicklungsprozess.


Stefanie Müller, Madrid/Rabat

Das Königreich Marokko fürchtet durch die politische und wirtschaftliche
Krise der EU Nachteile für den eigenen Entwicklungsprozess. Gerade erst hat
König Mohammed VI öffentlich eingestehen müssen, dass sechs Millionen
Menschen in seinem Land in grosser Armut leben. Wie es aus deutschen
diplomatischen Kreisen in Marokko bekannt wurde, beunruhigt derzeit vor
allem das schwache Frankreich, traditionell ein großer Fürsprecher des
Landes, die politische Eliten. Der ehemalige marokkanische Handelsminister
Tahar Sioud appelliert an die Verantwortung der Europäer: Es ist für alle
gut, wenn man uns nicht vergisst. Auf der einen Seite erwarten viele
Marokkaner durch die EU-Krise langfristig eine Drosselung der europäischen
Finanzhilfen für die Region, auf der anderen Seite rechnen die Ökonomen mit
einer weiteren Schwächung des Außenhandels: Wir sind einfach zu abhängig
von der EU, sagt der Ökonom und marokkanische Parlamentsabgeordnete Lahcen
Daoudi.
80 Prozent der Exporte gehen derzeit dorthin. Die Ängste sind berechtigt. In
den ersten sechs Monaten dieses Jahres reduzierten sich die Ausfuhren in die
EU im Textilsektor, dem wichtigsten Pfeiler im marokkanischen Außenhandel,
bereits um 16 Prozent. Das Handelsbilanzdefizit steigt rasant an. In 2004
wuchsen die Exporte nur um drei Prozent, die Importe dagegen um 15 Prozent.
Schuld daran ist auch die größere EU: Die Osterweiterung hat dem Land
zusätzlich geschadet, sagt Jörn Bousselmi, Geschäftsführer der deutschen
Handelskammer in Casablanca. Viele ausländische Direktinvestitionen flössen
nun dorthin.
Seit geraumer Zeit gilt Marokko als Vorzeigestaat des Maghrebs, wo die
Demokratisierung und wirtschaftliche Modernisierung bereits große Früchte
getragen hat und König Mohamed VI sowie die Regierung unter Driss Jettou mit
allen Mitteln den Anschluss an Europa und den Westen sucht. Die erst jetzt
veröffentlichten Wirtschaftszahlen für das vergangene Jahr zeigen jedoch,
dass das Land wirtschaftliche keine großen Sprünge mehr macht, wie sie für
die Bekämpfung der Armut notwendig wären. Das Wachstum betrug im Jahr 2004
rund 3,5 Prozent, im Vorjahr waren es noch 5,5 Prozent. Für dieses Jahr wird
nur noch mit rund zwei Prozent gerechnet. Die offiziell registrierte
Arbeitslosigkeit betrug im Jahr 2004 elf Prozent. Die Schattenwirtschaft und
hier vor allem der Drogenhandel sind jedoch immer noch die besten
Arbeitgeber der 30 Millionen Bewohner des arabischen Königreiches.
Träumte Marokko mit den Diskussionen um den EU-Beitritt der Türkei wieder
einmal von einer Ausweitung der Wertegemeinschaft auf Nordafrika, worin das
Land auch von einigen Politikern aus Belgien und Spanien unterstützt wurde,
fürchtet die Regierung nun, wo das Interesse der EU an der Türkei
schwindet, dass auch Marokko seine Hoffnungen begraben muss und die
politische Krise in Europa die eigenen Wirtschaft sogar zurückwerfen wird,
sagt Alberto Navarro, spanischer Europa-Staatssekretär. Agustín Ulied,
Dozent an der spanischen Businessschule Esade in Barcelona, der gerade dabei
ist, eine Niederlassung in Casablanca zur Ausbildung der marokkanischen
Führungskräften vor Ort aufzubauen, glaubt, dass Marokko nie Teil der EU
wird, dass aber das für 2010 angepeilte Freihandelsabkommen der
Mittelmeeranrainer ein großer Fortschritt ist: Daran darf auch trotz
Globalisierungsängste in Europa nicht gerüttelt werden. 1995 war die Idee
dazu im so genannten Barcelona-Prozess entstanden. Das in Brüssel ansässige
Medea-Institut hat diesen Annäherungsprozess über die Jahre begleitet und
auch ökonomische Hilfe in den Maghreb koordiniert. Ab 2007 wird seine Arbeit
in ein Partnerschaftsinstitut integriert, das in seiner Hilfe zur Annäherung
an die EU nicht mehr auf Nordafrika fixiert ist, sondern auch Russland mit
einbeziehen wird. Das beunruhigt natürlich viele hier, weil sie glauben,
dass dann weniger Gelder für sie fließen wird, heißt es aus diplomatischen
Kreisen in Marokko. Im Zeitraum 2005-2006 hat das Land 426 Millionen Euro
zugesichert bekommen.
Auf der Mittelmeerkonferenz im November soll der EU-Annäherungsprozess nun
weiter vorangetrieben werden. Aber wir fürchten, dass jetzt alles ein
bisschen langsamer gehen wird, weil Europa so sehr mit sich selber
beschäftigt ist, sagt der marokkanische Ökonom Daoudi. Dass dieser Prozess
jedoch Erfolg habe, sei nicht nur für Marokko, sondern auch für den Nachbarn
Spanien sehr wichtig, sagt Navarro: Auf der ganzen Welt gibt es mit
Ausnahme von Nord- und Südkorea kein so großes Einkommensgefälle wie
zwischen unseren beiden Ländern. Jährlich versuchen Hunderttausende von
Nordafrikanern unter schwersten Gefahren über die 14 Kilometer lange
Meeresenge von Gibraltar nach Europa zu kommen. Nach seiner Ansicht sollte
Spanien deswegen bei dem zehnjährigen Jubiläum dieses Annäherungsprozesses
am 27. und 28. November noch stärkere Führungsrolle spielen und die
Realisierung der Freihandelszone in dem vorgegebenen Zeitraum garantieren.

--
Stefanie Müller
Korrespondentin/Corresponsal

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