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Keine Kritik bitte!

Eines der Dinge, mit denen sich Deutsche im Umgang mit Engländern oft schwer tun, ist Kritik. Wie sage ich einem dieser doch so höflichen Menschen, dass er gerade großen Mist gebaut hat? Auf den ersten Blick könnte man meinen, das dürfte überhaupt kein Problem sein.

Eines der Dinge, mit denen sich Deutsche im Umgang mit Engländern oft schwer tun, ist Kritik. Wie sage ich einem dieser doch so höflichen Menschen, dass er gerade großen Mist gebaut hat? Auf den ersten Blick könnte man meinen, das dürfte überhaupt kein Problem sein. Schließlich gibt es wohl kein Volk auf der Welt, das derart zur Selbstkritik neigt. Bei kleinsten Missgeschicken können Engländer einen grotesken Entschuldigungstanz aufführen. Lassen sie einen zwei Minuten warten, so vergehen die ersten fünf Minuten des Gesprächs mit einiger Sicherheit mit wortreichen Entschuldigungen, gepaart mit exzessiven Selbstbezichtigungen. Zugleich fällt die öffentliche Kritik an Politikern, Wirtschaftsführern oder Sportlern oft derart zynisch und herabsetzend aus, dass sich jeder, der ein öffentliches Amt in Großbritannien anstrebt, lieber mit einem ganz dicken Fell ausstattet.

Doch wer aus diesen Beobachtungen schließt, dass es kein Problem sein dürfe, im Privatleben oder im Beruf ernsthafte Kritik anzubringen, liegt völlig schief. Neulich versicherten mir zum Beispiel zwei Mitarbeiter einer Presstelle eines großen Unternehmens, dass es am nächsten Tag keine Pressekonferenz zur Bekanntgabe der Halbjahreszahlen geben werde, vielleicht eine Telefonkonferenz, doch dann bekäme ich sofort Bescheid. Nun, ich hörte nichts, aber traf am nächsten Tag einen Kollegen, der gerade von der Pressekonferenz des Unternehmens kam. Darauf schrieb ich dem Leiter der Pressestelle eine betont vorsichtig formulierte Protestmail, das sei wohl "nicht ganz optimal" gelaufen. Seither: Funkstille. Der Mann schrieb nie zurück und reagierte auch nicht auf Anrufe.

Ähnlich ins Fettnäpfchen trat ich in meiner Bankfiliale, im vierten Monat meiner Bemühungen um ein Bankkonto. Als mir nach eineinhalb Stunden am Schalter beim x-ten Formular die Geduld ausging und ich gar die Stimme hob, erntete ich Blicke der Art, die ein randalierender Alkoholiker auf der Weihnachtsfeier ernten dürfte.

Was also tun? Tapfer lächeln und weitermachen, schätze ich. Wie die Mitreisenden in der Bahn, die auch bei zwanzigminütigen Aufenthalten in dunklen Tunneln stoisch in der Zeitung blättern und so tun, als liefe alles ganz normal.

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