Keine neuen Verhandlungen
Kirch-Insolvenz immer wahrscheinlicher

Nach dem vorläufigen Abbruch der Verhandlungen über eine Rettung der hoch verschuldeten Kirch-Gruppe wird eine Insolvenz des Münchener Medienkonzerns immer wahrscheinlicher.

HB/rtr "Wunder könnten immer noch passieren, aber der Glaube daran wird dünner. Möglicherweise dauert es bis zur Insolvenz noch ein, zwei Tage - man muss dem Wunder schließlich Zeit geben", sagte ein Bankenvertreter am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Zwischen Minderheitsgesellschaftern des Kerngeschäfts KirchMedia und den Gläubigerbanken, die bis Dienstag intensiv über eine Rettung verhandelt hatten, habe es keine Treffen mehr gegeben. Die Gespräche seien aber noch nicht für gescheitert erklärt worden.

In Kirch-Kreisen hieß es, erst wenn das der Fall sei, werde der Konzern einen Antrag auf Insolvenz stellen. Vertreter der Banken HypoVereinsbank, Bayerische Landesbank, Commerzbank und DZ Bank hatten wochenlang mit den Kirch-Minderheitsgesellschaftern - unter ihnen der Medienunternehmer Rupert Murdoch und der italienische Mediaset-Konzern von Ministerpräsident Silvio Berlusconi - über die künftige Kontrolle des Kirch-Konzerns verhandelt. Am Dienstagabend waren die Gespräche ergebnislos beendet worden. Wenn sich Banken und Investoren nicht doch noch auf eine Brückenfinanzierung einigten, werde Kirch in den nächsten Tagen zahlungsunfähig, sagte ein Bankenvertreter. "Es wird eng", fügte er hinzu.

Es habe am Mittwoch keine Treffen der Verhandlungsparteien gegeben, hieß es übereinstimmend in Kreisen beteiligter Kreditinstitute und der Kirch-Gruppe. Es seien Telefonate geführt worden, formelle Gespräche könne man das aber nicht nennen, hieß es. Die Banken würden nicht die Initiative ergreifen. "Jetzt sind die Investoren am Zug." Aus Kreisen der Gesellschafter in Italien hieß es jedoch, Mediaset und die Muttergesellschaft Fininvest fühlten sich nicht unter Zeitdruck. "Auch ein Antrag auf Insolvenz würde die Möglichkeit von Verhandlungen mit den Investoren offen halten", hieß es in den Kreisen. Mediaset habe sein Engagement bei Kirch in der Bilanz 2001 bereits mit 184 Million Euro abgeschrieben.

Auf Einladung Murdochs sollten in Los Angeles am Mittwoch unterdessen erste Gespräche über die Zukunft des Kirch-PayTV-Senders Premiere stattfinden. Vertreter der HypoVereinsbank und der BayernLB, die mit Krediten bei Premiere engagiert sind, nähmen an diesen Gesprächen teil, hieß es in Bankenkreisen. Mit den Bemühungen für eine Rettung KirchMedias hätten diese aber nichts zu tun. KirchMedia verfügt über die größte Filmrechtsbibliothek in Deutschland und hält die Mehrheit an der Senderfamilie ProSiebenSat.1. In den Verhandlungen war bisher vor allem ein Szenario diskutiert worden, in dem die bisherigen Minderheitsgesellschafter im Rahmen einer Kapitalerhöhung die Mehrheit an KirchMedia übernehmen sollten. Firmengründer Leo Kirch, der gemeinsam mit seinem Sohn Thomas rund 79 Prozent der Anteile hält, ist nach Angaben aus ihm nahe stehenden Kreisen zu einem vollständigen Rückzug bereit.

Die Dresdner Bank hält derweil ihren in Kürze auslaufenden Kredit über 460 Millionen Euro an Kirch nach Angaben aus Bankenkreisen für ausreichend besichert und erwartet bei der Rückzahlung keine Komplikationen. "Der Kredit wird in der 15. Kalenderwoche fällig. Wir sind zuversichtlich, dass wir unser Geld bekommen, haben aber auch keine Eile, was das angeht", erfuhr Reuters am Mittwoch aus Kreisen der zur Allianz gehörenden Bank. An einer Verlängerung des Kredits an den insolvenzbedrohten Medienkonzern sei die Bank nach wie vor nicht interessiert. Der Kredit war bereits zweimal - Ende Dezember und Mitte Januar - verlängert worden. Besichert ist das Engagement mit der zum Verkauf stehenden 25-prozentigen Beteiligung Kirchs an dem spanischen TV Sender Telecinco.

Der bayerische Ministerpräsident und Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) wollte sich erneut nicht zu den Problemen der Kirch-Gruppe äußern. Auf die Verhandlungen angesprochen sagte Stoiber bei einem Besuch der Sektkellerei Rotkäppchen in Freyburg in Sachsen-Anhalt: "Dies ist hier für mich kein Thema. Ich möchte die Verhandlungen nicht stören." Sollte die Kirch-Gruppe ein Insolvenzverfahren beantragen, wäre es die dritte Insolvenz eines großen bayerischen Konzerns nach dem Elektronik-Konzern Schneider Technologies und dem Flugzeugbauer Fairchild Dornier innerhalb weniger Wochen. Die Kirch-Kernsparte KirchMedia beschäftigt einschließlich der profitablen Tochter ProSiebenSat1 Media insgesamt rund 5500 Mitarbeiter.

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