Keine neutralen Geschworenen möglich
Wettkampf um Hinrichtung der Heckenschützen

Der Gastgeber einer Fernseh-Talkshow brachte es schon wenige Stunden nach der Festnahme der mutmaßlichen Heckenschützen von Washington auf den Punkt. "Es gibt sicher manche, die jammern werden, dass die Mörder keinen fairen Prozess kriegen. Na, wenn schon, mir ist es egal. Röstet sie."

HB/dpa WASHINGTON. Rösten - ein makabrer umgangssprachlicher Begriff für den Tod auf dem elektrischen Stuhl - wird man John Allen Muhammad und John Lee Malvo nicht. Was ihnen droht, ist die Hinrichtung mit einer Giftspritze, und dass es so weit kommen wird, daran besteht kaum ein Zweifel. Ein Netz von Anklagen durch sechs verschiedene Gerichtsstände gewährleistet, dass notfalls so lange prozessiert werden kann, bis die Angeklagten die Todesstrafe erhalten.

Möglich ist dies, weil die "Sniper" ihre Anschlagsserie mit zehn Toten und drei Verletzten in Washington, Virginia und Maryland begangen haben und zudem für einen Raubmord in Alabama verantwortlich gemacht werden. Darüber hinaus war bei den Attentaten Erpressung im Spiel, ein Verbrechen, das unter das Bundesstrafrecht fällt. Damit kann auch die Bundesanwaltschaft, sprich, das Justizministerium mitmischen. Was es auch tut: John Ashcroft, der gern das Rampenlicht sucht und bisher im «Sniper»-Fall nur eine Randrolle spielte, sicherte sich mit Voranklagen die Möglichkeit, alle Fäden in der Hand zu behalten.

Jeder beansprucht das Verfahren für sich

Insgesamt können sich US-Rechtsexperten an keinen Fall in der Vergangenheit erinnern, bei dem sich die Anklagebehörden derart um die Durchführung eines Todesstrafen-Prozesses gerissen haben wie dieses Mal. Jeder beansprucht das Verfahren für sich, und gibt es mehrere davon, will jeder zuerst an der Reihe sein. Kein Tag ist seit der Festnahme des 41-jährigen Muhammad und 17-jährigen Malvo am 24. Oktober vergangen, ohne dass sich Staaten und Staatsanwaltschaften gegenseitig mit der Zusage überboten hätten, den Beiden möglichst schnell den Prozess und dann in der Todeskammer den Garaus zu machen.

Das makabre Wetteifern hat mehr als einen Grund. Die "Sniper"- Prozesse versprechen Riesenschlagzeilen, und sie sind sozusagen Traumfälle für jeden Staats- oder Bundesanwalt. Wie es aussieht, ist das Beweismaterial erdrückend, und damit ein Schuldspruch so gut wie sicher.

Hinzu kommt die absolute Gewissheit, dass die Bevölkerung nach drei Wochen Angst und Terror nach Bestrafung dürstet. Sogar Gegner der Todesstrafe in den USA, ohnehin eine kleine, wenn auch wachsende Minderheit, halten sich auffallend zurück - wohl wissend, dass sie im Fall der Heckenschützen mehr denn je auf verlorenem Posten stehen. Malvo und Muhammad gelten schließlich in den Augen der meisten als "poster boys" für das so genannte "capital punishment": Musterbeispiele dafür, wer die Todesstrafe verdient.

Zwei Faktoren bestimmen die Chance auf den Prozess

Wer am Ende die Gelegenheit zum Prozessieren erhält, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: der Möglichkeit, auch einen Minderjährigen zum Tode zu verurteilen und Beide in die Todeskammer zu bringen, ohne genau zu wissen, wer geschossen hat. Maryland, wo sich sechs Morde ereigneten und die ganze Anschlagsserie begann, hat die schlechtesten Karten. Man lastet dem Staat an, dass dort insgesamt die Todesstrafe nur "zögerlich» verhängt wird und die dortigen Gesetze die Exekution von minderjährigen Tätern verbieten.

Virginia ist für das Gegenteil bekannt und rühmt sich dessen ohne Scheu. Hier könnte auch Malvo zum Tod verurteilt werden. Außerdem ermöglicht ein neues Terrorismus-Statut eine Verurteilung Beider zum Tod ohne Unterscheidung, wer schoss und wer nicht. Damit hat Virginia Trümpfe in der Hand, aber Ashcroft, der am Ende entscheiden wird, zögert noch. Er hält das gerichtlich kaum getestete Terror-Statut für einen Unsicherheitsfaktor, den er lieber vermeiden würde. Macht das Justizministerium Muhammad und Malvo den Prozess, gäbe es das Problem nicht. Das Bundesrecht erfordert keinen exakten "Schützen-Nachweis", allerdings können Minderjährige keine Todesstrafe erhalten.

Wie immer das Tauziehen ausgehen wird, ist für Rechtsexperten eines klar: Die Verteidigung steht vor einer immens schweren Aufgabe. Angesichts der vielen Beweise wird sie nach allgemeiner Erwartung keinen Freispruch anstreben, sondern mildernde Umstände geltend machen, um das Leben ihrer Mandanten zu retten. Und schon das, so sagen viele Juristen, ist kaum zu schaffen. "In diesem Prozess gibt es keine unbeteiligten Geschworenen", sagt Pflichtverteidiger Paul Hazlehurst aus Maryland. "Jeder war irgendwie betroffen, jeder hatte irgendwie Angst oder Kinder, die nicht im Freien spielen konnten."

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