Keine Riester-Police abschließen, um damit später zu bauen
Nur für Frühstarter

Es gibt nur eine Möglichkeit, das Riester-Konto vor dem Rentenalter anzuzapfen: die Entnahme für das Eigenheim. Doch der Kredit hat viele Tücken.

Geld vom Staat, Eigenheim, zinsloses Darlehen. Bei diesem Dreiklang werden viele Bundesbürger schwach. Genau das verspricht das so genannte Entnahmemodell der staatlich geförderten Altersvorsorge (Riester-Rente). Potenzielle Bauherren können nach dieser Regelung ihr Riester-Konto anzapfen, um die eigenen vier Wände aufzubauen. Der zinslose Kredit an sich selbst darf zwischen 10 000 und 50 000 Euro betragen. Hauptbedingung: bis zum 65. Geburtstag, also zum Rentenbeginn, muss das Darlehen auf das Riester-Konto zurückgezahlt sein.

Soweit klingt alles einfach. Doch ob die Riester-Rente auch als Baufinanzierung taugt und wenn ja, für wen, lässt sich nur schwer sagen. Die bislang vorliegenden Berechnungen sind so verschieden wie die Interessen, die dahinter stehen. "Das Entnahmemodell wirkt wie eine Superbausparförderung", sagt etwa Harm Carls, Referent für Grundsatzfragen beim Bundesverband freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW). Die Bausparkassen argumentieren beharrlich dagegen, das Entnahmemodell sei nicht praxistauglich - und fordern deutlich mehr staatliche Zuschüsse für Bausparverträge. Und die Fondsgesellschaften warnen, die Entnahme wirke wie ein Renditekiller für die Riester-Rente.

Für wen könnte sich der Griff in die eigene Kasse also lohnen? "Das Ganze ist für Schwellenhaushalte gemacht, die sich fragen müssen: Mache ich das eine, Altersvorsorge, oder das andere, Baufinanzierung?" sagt BFW-Referent Carls grundsätzlich; mit Schwellenhaushalten sind Familien gemeint, bei denen nach Abzug der laufenden Kosten am Monatsende nicht allzu viel übrig bleibt.

Etwas konkreter lautet das Fazit von Verbraucherschützern: Die Entnahme könnte interessant sein für Leute, die in jungen Jahren mit dem Riester-Sparen anfangen. Erstens dauert es bei Durchschnittsverdienern gut zehn Jahre, bis sie die Mindestsumme von 10 000 Euro zusammen haben. 20 000 Euro stehen erst nach 15 Jahren zur Verfügung; bis das höchstmögliche Eigendarlehen von 50 000 Euro abrufbar ist, vergeht leicht ein Vierteljahrhundert. Und zweitens ist die monatliche Belastung durch die Rückzahlung umso niedriger, je früher man damit beginnt.

Zudem könnte sich Bauen mit Riester für kinderreiche Familien rechnen. Denn Kinder erhöhen die Zulagen vom Staat überproportional. Zum Vergleich: Ab 2008 erhält ein Single eine Zulage von 154 Euro, eine Familie mit zwei Kindern aber 678 Euro pro Jahr.

Ein tragender Finanzierungsbaustein sind die 10 000 Euro als Sparertrag von zehn Jahren aber sicher nicht. "Wenn Sie Pech haben, ist das die Gebühr für den Notar und den Makler oder nicht mal das", merkt Wolfgang Raab süffisant an. Er ist beim Bundesverband Deutscher Investment- und Vermögensverwaltungsgesellschaften (BVI) für Altersvorsorge zuständig. Ab 20 000 Euro ergeben sich schon eher Entlastungen für die Baufinanzierung.

Deutlich positiv stehen dem Entnahmemodell allerdings nur die Spitzenverbände der Immobilien- und Bauwirtschaft gegenüber. Sie haben errechnen lassen, dass durch das Vorsorgesparen "rund 670 000 Haushalte früher oder überhaupt erst selbst genutztes Wohneigentum bilden" können - wenn auch erst in zehn Jahren.

Allerdings warnen Verbraucherschützer davor, dass gerade Schwellenhaushalte zur Entnahme verleitet werden. Im schlimmsten Fall kann dann die Riester-Rente und die Baufinanzierung platzen. Achim Tiffe vom Institut für Finanzdienstleistungen weist darauf hin, dass säumige Rückzahler nach einer Schonzeit von zwölf Monaten nachträglich auch noch die gesamten staatlichen Zuschüsse verlieren. "Das trifft die, bei denen die Finanzierung knapp ist. Die sollten im Zweifel nicht über Riester baufinanzieren." Auch wenn das Haus verkauft wird, droht die Rückzahlung der Förderung. Tiffes Fazit lautet: "Die Riester-Rente ist kein Mittel der Baufinanzierung. Es ist primär eine Form von Altersvorsorge in Form einer Rente. Das Entnahmemodell ist ein Kompromiss. Es wird erst eine Rolle spielen für Leute, die in 20 Jahren bauen wollen."

Für Arno Gottschalk, Experte für Finanzdienstleistungen der Verbraucherzentrale Bremen, lautet damit die entscheidende Frage: Ist das Entnahmemodell günstiger als der Verzicht auf die Riester-Förderung und eine alternative Anlage? Wenn man auf die monatliche Belastung blickt, dürfte nach seiner Ansicht die Alternativanlage vorteilhafter sein, je später der Anleger eine Immobilie erwirbt. Und wenn ein Single auf die Riester-Förderung verzichte und die alternative Geldanlage nur ein Prozent mehr Rendite abwerfe, habe dieser die staatliche Grundzulage nach 15 Jahren bereits wettgemacht. Und im Laufe der Zeit werde der Vorteil des Renditevorsprungs noch größer, erläutert Gottschalk.

Carlos Mori, Referent für Altersvorsorge beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, kommt zu dem Schluss: "Es wird kaum Bevölkerungsgruppen geben, die mit diesem Modell tatsächlich glücklich werden dürften."

Der Rat der Verbraucherschützer lautet also: keine Riester-Police abschließen, um damit später zu bauen. Außerdem dürfte die günstigste Form der Riester-Rente die betrieblichen Altersvorsorge sein. Aber, so stellt Carsten Eckert, Geschäftsführer der Hypo-Vereinsbank-Tochter Pension Consult, fest, "in der betrieblichen Altersvorsorge ist das Entnahmemodell nicht vorgesehen, und da wird es auch keiner anbieten."

Rechnung mit vielen Unbekannten

"Bei allen Riester-Sachen sind allgemeine Empfehlungen problematisch", sagt der Bremer Verbraucherschützer Arno Gottschalk. Wer also mit dem Gedanken spielt, die Riester-Rente in die Baufinanzierung einzubauen, muss mit spitzem Bleistift und vielen Variablen rechnen.

Die monatliche Belastung ist bei der Beleihung des Riester-Kontos deutlich niedriger als bei einem Hypothekenkredit. Allerdings fällt die Riester-Rente dann auch niedriger aus.

Das zinslose Darlehen an sich selbst ist nicht gratis: Es kostet die entgangene Rendite - hier knapp 30 000 Euro. Dies muss gegen die Kosten einer Hypothek abgewogen werden.

Vergleichbar rechnen lässt sich das Modell, wenn in beiden Fällen Monat für Monat der gleiche Betrag fließt. Die 72 Euro, die bei der Entnahme rechnerisch übrig bleiben, werden daher angelegt. Unter dem Strich ergibt sich damit bei gleicher Belastung ein Plus von gut 15 000 Euro.

"Bei gleicher Belastung ist die Entnahme immer dann günstiger, wenn der Kreditzins für eine Immobilienfinanzierung über der Anlagerendite liegt. Das dürfte allerdings nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein", erklärt Gottschalk.

Jedoch darf die Rechnung nicht ohne den Wirt gemacht werden: Versicherung, Fondsgesellschaft oder Bank. Denen dürfte kaum daran gelegen sein, dass ihnen Kapital entzogen wird. Meist wird für die Entnahme eine Gebühr fällig. Dem Analyse- und Beratungsunternehmen Franke & Bornberg zufolge reicht die "Spanne von keine Gebühr bis Gebühren jeglicher Couleur".

Schließlich sollten die Bauwilligen von morgen das geeignete Produkt auswählen: Bei Versicherungen dürfte die Entnahme auf Grund der hohen Kostenbelastung am problematischsten sein, meint Verbraucherschützer Gottschalk. Bei Fonds könnte wegen der Wertschwankungen zum gewünschten Termin nicht genügend Geld vorhanden sein. So könnte sich ein Banksparplan als bestes Fundament für das Riester-Haus erweisen.

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