Keine Rücksicht auf Deutschland
Deutscher Coach mit "Löwen"-Herz

Aus den Untiefen des Zweitligisten TB Berlin direkt auf den internationalen Fußball-Olymp. Winnie Schäfer macht keinen Hehl daraus, das er seinen steilen Wiederaufstieg genießt: "Seit ich mein Amt in Kamerun antrat, bin ich ein Löwe und ich bin stolz darauf."

dpa FUJIYOSHIDA. Er bootete unter anderen Konkurrenten wie Berti Vogts oder Uli Stielike aus und kam sozusagen nach Kamerun wie die Jungfrau zum Kind. Und wie ein solches freut sich Winfried Schäfer bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft. "Es ist wie ein Traum und eine fantastische Sache, bei einer Weltmeisterschaft als Trainer dabei sein zu dürfen", sagt der 52-Jährige, der binnen neun Monaten aus dem trostlosen Dasein eines Arbeitslosen auf die Weltbühne des Fußballs gespült wurde.

Mit dem brisanten "Bruderkampf" - dem für das WM-Fortkommen entscheidenden Vorrunden-Finale der Gruppe E am Dienstag in Shizuoka gegen Deutschland - rückt der im badischen Ettlingen wohnende Emporkömmling weltweit in den Focus der Medien. Schäfer genießt das. Der Habitus des beim VfB Stuttgart nach acht Monaten Geschassten und auch beim Zweitligisten Tennis Borussia Berlin Gescheiterten spricht Bände. In Mimik und Gestik ist der einstige Feuerkopf kaum wieder zu erkennen.

Als "spiritus rector" des von ihm über elf erfolgreiche Jahre geprägten Karlsruher SC vollführte er einst Veitstänze an den Spielfeldrändern der Bundesliga, mit denen er sich horrende Geldstrafen durch den DFB einhandelte. In den japanischen WM-Stadien lehnt er, zumindest nach außen hin gelassen, im vornehmen dunklen Maßanzug mit schmucker Krawatte an der Umkleidung der Spielerbank. Weltmann statt Rumpelstilzchen? Per sporadischem Fingerzeig kommen die Anweisungen. Nach dem Spiel schließt er seine Spieler väterlich in die Arme. Nur seine - leicht ergraute - Löwenmähne hat er nicht abgelegt. Aus gutem Grund.

"Ich bin seit dem 15. September, als ich mein Amt antrat, ein Löwe und ich bin stolz darauf", sagt Schäfer. Ebenso stolz war er, als ihm nach dem Gewinn des Afrika-Cups, seinem ersten Trainer-Titel, von Kameruns fußballverrückten Staatspräsidenten Paul Biya als erstem Deutschen der "Orden des Löwen" verliehen wurde. Biyas Frau übermittelte nach dem 1:0 gegen Saudi-Arabien - Kameruns erstem WM- Sieg seit den spektakulären Lambada-Tänzen des legendären Roger Milla 1990 in Italien - ihre Glückwünsche. Diese reichte Sportminister Bodoung Mkpatt, als ranghöchster Regierungsvertreter bei Kameruns WM- Delegation, am Freitag im Trainingslager von Fujiyoshida dem deutschen Trainer in einem persönlichen Gespräch weiter.

An seine "Pflichten" als Kamerun-Coach brauchte der Politiker den Dompteur der "unzähmbaren Löwen" nicht zu erinnern. Denn Schäfer lässt keinen Zweifel daran, dass beim Duell mit seinen Landsleuten keine zwei Seelen in seiner Stolz geschwellten Brust schlagen, sondern ein "Löwen"-Herz: "Ich will mit meinen Jungs ins Achtelfinale. Da kann und will ich keine Rücksicht darauf nehmen, dass der Gegner Deutschland heißt." Wenn er Deutschland eliminiert, kann er sich höchstens unbeliebt machen in seinem Heimatland, in dem er dereinst wieder einen Arbeitsplatz haben will. Dieses Risiko geht er gerne ein. Denn die WM sieht der Schüler des legendären Hennes Weisweiler auch als Sprungbrett seiner internationalen Profilierung.

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