Keine überzogenen Erwartungen an Sebsatian Deisler
Ein Mann mit Perspektive

Sebastian Deisler hatte noch etwas Wichtiges vergessen. Er drehte sich um, lehnte sich über den Tisch zum Mikrofon und sagte: "Einen schönen Sonntag noch." Mit seinem Gruß an die Journalisten beendete Deisler am Sonntag seinen ersten öffentlichen Auftritt bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft seit genau einem Jahr.

BERLIN. Beim letzten Mal, am 6. September 2003, saß Deisler im Presseraum des Laugardalsvöllur-Stadions von Reykjavik. Die Nationalmannschaft hatte sich gerade zu einem 0:0 gegen Island gequält, und unter den Journalisten machte sich Unruhe breit, weil Teamchef Rudi Völler gerade in einem Fernsehinterview ausgeflippt war. Nur Deisler wirkte in all der Aufregung irgendwie gaaaaaanz ruhig. "Morgen ist auch wieder ein Tag", sagte er, ganz egal, wonach er gefragt worden war. "Auch morgen geht wieder die Sonne auf."

Nach allem, was man heute weiß, muss es für Sebastian Deisler damals schon ziemlich dunkel gewesen sein. Knapp drei Monate später begab er sich wegen Depressionen in ärztliche Behandlung. "Das ist wirklich Vergangenheit", sagt Deisler heute. Er hat immer mit erstaunlicher Offenheit über die Krankheit gesprochen. Aber jetzt will er sich lieber mit einer Zukunft beschäftigen. Deisler, inzwischen 24 Jahre alt, sagt, "dass ich jetzt einfach Licht sehe".

Seit einigen Jahren verläuft Deislers Karriere gewissermaßen unter Vorbehalt: Zu der Frage, ob er körperlich stark genug sei für den Profifußball, kamen dann die Zweifel an seinem seelischen Zustand. Für Deisler selbst ist es jetzt umso erfreulicher "zu spüren, dass alles klappt, dass der Körper funktioniert". Durch die vielen Verletzungen und die Erkrankung ist er in den vergangenen drei Jahren nur zu Kurzauftritten im Nationalteam gekommen. "Jedes Spiel ist ein echtes Geschenk", sagt er.

Deisler hat das nicht immer so empfinden können. Auf der einen Seite gab es zwar seine einfache Freude am Spiel. Auf der anderen Seite hat Deisler das ganze Drumherum seines Metiers immer als extrem belastend empfunden. Seitdem er professionell Fußball spielt, gilt er als Hoffnungsträger. Je schlimmer der Zustand des deutschen Fußballs war, desto sehnsüchtiger hat das Publikum auf den Ausnahmekönner Deisler geschaut. "Ich habe mich darauf eingestellt und einiges daraus lernen können", sagt er heute. So grausam es auch ist: Erst durch die vielen Verletzungen sind die Erwartungen an Deisler auf ein realistisches Maß gestutzt worden. Felix Magath, sein Vereinstrainer bei Bayern München, hat öffentlich die Skepsis geäußert, ob eine Berufung in die Nationalmannschaft nicht zu früh komme. Jürgen Klinsmann aber will Deisler die Gelegenheit geben, sich wieder in der Nationalmannschaft einzuleben, ein Gefühl für das Spiel zu entwickeln, seinen Rhythmus und das Tempo zu finden, "das für ihn das beste ist". Zum ersten Mal in seiner Karriere ist Deisler das, was er selbst in seiner Jugend nie sein durfte: ein Perspektivspieler. "Wir brauchen ihn für die WM 2006", sagt Klinsmann.

Wenn Deisler am Mittwoch gegen Brasilien spielt, ist es auf den Tag genau sechs Jahre her, dass er für Borussia Mönchengladbach sein erstes Bundesligaspiel bestritten hat. "Das kann man miteinander vergleichen", sagt er. "Das ist ein echter Neuanfang für mich." Der Unterschied ist, dass er sich diesmal ungefähr vorstellen kann, was noch alles auf ihn zukommen wird.

Das neue Training gefällt den Nationalspielern

Ungewohnte Übungen absolvierten die 20 Nationalspieler in Berlin. Nach einem 90-minütigen Programm mit bekannten Sprint- und Sprungübungen fanden unter Aufsicht des von Jürgen Klinsmann aus den USA engagierten Fitness-Experten Mark Verstegen neue Beweglichkeitstests statt. Sie sollen Aufschluss über die Bereiche Flexibilität, Stabilität und Geschicklichkeit geben.
Die Spieler absolvierten eine ungewohnte Testreihe mit vier Trainingsstationen und eine ungewöhnliche Aufwärmeinheit mit Standwaage, Entengang rückwärts und Gummiband.
Die Ergebnisse der Tests sind Grundlage für eine neue Datenbank über alle Kandidaten für die WM 2006. "Für uns sind das zusätzliche Informationen, woran die Spieler arbeiten müssen", sagte Teammanager Oliver Bierhoff.
Begeistert zeigten sich der Stuttgarter Phlipp Lahm und auch Torwart Jens Lehmann: "Das hat mich weiter gebracht. Man muss das Beste für sich herausfiltern."

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