Keine verrückte Partyidee, sondern sportlicher Ernst
Putten für Nostalgiker

Golfen in Knickerbockern, Rüschenblusen und mit Oldtimer auf dem Parkplatz: Mit dem Golf History Cup dreht Thomas Cook die Zeit 100 Jahre zurück.

Über dem Grün flattert der Union Jack. Von der Tonkonserve dröhnt Kanonendonner, gefolgt von einem gequetschten Dudelsack-Marsch. Die beiden Radfahrer, die auf dem Donauuferweg ein paar Kilometer oberhalb von Regensburg ganz zufällig in die Szene platzen, müssen an diesem heißen Sommertag einen Moment geglaubt haben, sie hätten sich schwer verfahren. Örtlich - aber auch zeitlich.

Denn die rund 70 Damen und Herren, die sich da für ein Gruppenfoto aufbauen, scheinen dem frühen vorigen Jahrhundert entlaufen zu sein. Eine noble Golf-Gesellschaft, fein zurechtgemacht: die Damen durchweg in Lang, mit Seidenkleidern, Rüschenblusen und Stufenröcken. Dazu Strohhüte, fein verziert mit Tüll und Samtband - ein Hauch von Ascot. Bei den Herren dominieren Knickerbocker aller Couleur, über Kniestrümpfen mit großem Karo-Muster. Zwei, drei modebewusste Individualisten entschieden sich für den Schottenrock. Die offensichtlich immer interessierende Frage nach dem Darunter wird in kernigem Niederbayrisch beantwortet: "Jo nix".

Was wie eine verrückte Partyidee erscheint, hat sportlichen Ernst. Der harmonisch in einen Donau-Südhang eingebettete Golfplatz von Sinzing ist an diesem Tag Austragungsort einer Runde des Golf History Cup 2003, ausgeschrieben vom Reiseveranstalter Thomas Cook. Auf zehn deutschen Clubanlagen finden in diesem Sommer Turniere für Amateure mit Hang zur Nostalgie statt. Eine Endrunde der Sieger ist im August in einem Golf-Mekka geplant: im schottischen St. Andrews.

"Auf das Gruppenfoto", weiß Organisator Jens Westendarp schon von den früheren Veranstaltungen, "sind sie alle immer ganz wild." In puncto Ausstaffierung hätten manche der Club-Kameradinnen weder Kosten noch Mühe gescheut, berichtet Golfspielerin Susanne Pfeffer aus Regensburg: "Da ist eine, die hat sich im Regensburger Theater-Fundus umgeschaut. Und eine andere hat sich was extra in München schneidern lassen."

Ja, "die Leute wollen richtig Gas geben", freut sich ihr Clubkamerad Claus Arnold, von Kopf bis Fuß gewandet wie ein englischer Lord. Er findet?s gut - "wo doch die Etikette überall aufweicht, auch schon beim Golf". Er ließ sich standesgemäß in einem 300er Mercedes aus der Adenauer-Ära herbeichauffieren. Der parkte dann neben einer bonbonfarbenen Chevrolet Corvette, Baujahr 1956, mitten auf dem grünen Rasen. Nicht nur in Sachen Auto und Mode wird die Uhr beim History Cup zurückgedreht. Auch sportlich: Gespielt wird stilecht mit Schlägern aus Hickory-Holz, die Spon, Cleek, Mashie oder Niblick heißen.

Und als Bälle werden nur wie anno dazumal Gutties verwandt - Kugeln aus einem Kautschuk ähnlichen Material. Das historische Spielgerät stellt der Veranstalter. Westendarp: "Wir haben in Schottland eine der letzten Schlägermanufakturen aufgetrieben, die so etwas noch kann. Der Meister ist schon 90 Jahre alt und macht glücklicherweise immer noch weiter."

Für den Hamburger Golflehrer Stefan Seebeck ist das "Back to the roots" mehr als eine Gaudi: "Das Spiel wird sehr authentisch, nur übers Ballgefühl und nicht mit hochtechnisiertem Gerät. Die Leute lernen schwingen statt zu schlagen. Ich baue das inzwischen in meinen normalen Golfunterricht als wertvolle Erfahrung ein."

Das ungewohnte Gerät fordert seinen Tribut, muss die aus Coburg angereiste, überwiegend aus ergrauten Managern der dortigen Versicherung HUK bestehende Herrenmannschaft feststellen: Bei dem Team - einheitlich gekleidet in blauen Pullundern, blau-grün gewürfelten Hosen und dazu passenden Schiebermützen - kommen die ersten Gutty-Bälle irgendwie nicht recht weg. Doch dann klappt der Schwung, begleitet vom überraschten Ausruf des Spielers: "Hey, die fliegen ja!" Beim Nachbarn dagegen kullert die Kugel noch müde übers Gras - auch hier ist der Ball rund . . .

Als das Spiel dann mit einem "Kanonenstart" offiziell gestartet wird, sichert ein ausgefeiltes Reglement, dass kein Handicap zum Handicap auf dem Weg zum Sieg werden kann. Die ganz schwierigen Löcher des Kurses bleiben ohnehin außen vor. Bewertet wird nicht nur sportlich-praktisches Können, sondern auch das Wissen über den geliebten Sport. Im Golf History Quiz muss der Teilnehmer etwa entscheiden, ob "Rabbit" umgangssprachlich die weibliche Begleitung eines Golfspielers bezeichnet oder einen - wie auch immer - zickzackmäßig fliegenden Ball oder einen Anfänger auf dem Platz.

Am Schluss, auf einem stilvollen Fest, wird alles prämiert und gefeiert - der Turniersieg, die schlauen Antworten, das beste Outfit. Gentleman Arnold hatte nicht nur Spaß, sondern freut sich auf Folgen für sein Reisebüro: Große Firmen, darunter Haribo und die HSBC-Banker von Trinkaus & Burkhardt, hätten bei ihm schon angeklopft, ob sie ihre traditionellen Golfturniere nicht ähnlich stilvoll gestalten könnten: "Die wollten erst einmal sehen, wie das ist, wenn wir hier Fasching im Sommer durchführen. Nun ist es wie eine Welle. Jetzt wollen alle mitmachen."

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