Keine Verschärfung durch Entlassungspläne großer Konzerne
Jagoda will das Arbeitsmarktziel übertreffen

Bundeskanzler Schröder hat einen Verbündeten gefunden, der sein Ziel von 3,5 Millionen Arbeitslosen im Wahljahr sogar noch übertreffen will. Der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit Jagoda wirbt dafür, die Zahl der Arbeitslosen auf 3,4 Millionen zu drücken. Das Ifo-Institut ist in einer neuen Prognose wesentlich pessimistischer.

huh/pt BERLIN. Trotz der Konjunkturdelle und eines teilweise drastischen Stellenabbaus großer Konzerne hat Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) das Regierungsziel verteidigt, die Arbeitslosigkeit kommendes Jahr auf unter 3,5 Millionen zu drücken. "Dies ist aus meiner Sicht immer noch ein realistisches Ziel", erklärte Riester in Berlin. Garantien könne zwar niemand geben, aber die Regierung werde alles tun, um die Arbeitslosenzahl weiter zu reduzieren.

Auch der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, der zuletzt 3,7 Millionen Arbeitslose im Durchschnitt für dieses Jahr erwartet hatte, warnte vor Pessimismus. "Ich werbe dafür, dass man nachweist, der Kanzler hat Unrecht, es sind nicht 3,5, sondern 3,4 Millionen Arbeitslose im nächsten Jahr", sagte Jagoda. Es gebe Chancen "noch besser zu werden als die Prognose".

Völlig anderer Ansicht sind hingegen die Ökonomen des Münchner Ifo-Instituts. Sie halten selbst bei einer Konjunkturbelebung bis zu 4,2 Mill. Arbeitslose im Februar 2002 für möglich. Ifo-Chefvolkswirt Willi Leibfritz forderte die Bundesregierung in Dresden zu Strukturreformen am Arbeitsmarkt auf. Nur so lasse sich ein jährliches Wirtschaftswachstum von 3 % erreichen, das für einen Abbau der Arbeitslosigkeit nötig wäre. Er prognostizierte 3,7 Millionen Arbeitslose im Herbst 2002. Damit werde die Regierung ihr selbst gestecktes Ziel verfehlen, sagte Leibfritz. Auch im Jahresdurchschnitt werde die Zahl mit knapp 3,8 Millionen hoch bleiben. Unterstützt wurde Leibfritz vom Mitglied des Sachverständigenrats Bert Rürup. Dieser äußerte gegenüber dem Handelsblatt ebenfalls die Erwartung, die Zahl der Arbeitslosen werde 2002 im Durchschnitt zwischen 3,7 und 3,8 Millionen liegen.

Jagoda wies Befürchtungen seines Sprechers Eberhard Mann zurück, die von Konzernen in den vergangenen Tagen angekündigten Entlassungen könnten die Lage am Arbeitsmarkt weiter verschärfen. Diese Arbeitnehmern seien in der Regel gut qualifiziert und dürften angesichts des Fachkräftemangels schnell wieder einen Job finden.Zuletzt hatte ABB den Abbau von weltweit 12 000 Stellen angekündigt, die Siemens-Tochter Infineon will 5 000 Jobs streichen. Ferner planen den Abbau von Stellen unter anderem Opel (minus 4 500) und Philips (minus 7 000).

Die Arbeitgeber in der Metall- und Elektroindustrie glauben dennoch nicht an einen bevorstehenden Stellenabbau großen Stils. "Nach unserer Beobachtung sind die Unternehmen bestrebt, ihr Personal über die schwierige Zeit hinweg zu halten", sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes Gesamtmetall, Hans Werner Busch. Dies geschehe vielfach durch den Abbau von Zeitguthaben der Mitarbeiter. "Wer so handelt, glaubt nicht an einen langen oder tiefen Abschwung."

Ungeachtet der zahlreichen Berichte über massenweisen Stellenabbau großer Konzerne hält das Beschäftigungswachstum in der Metall und Elektroindustrie weiter an. Nach Verbandsangaben schufen die Unternehmen in den ersten fünf Monaten dieses Jahres insgesamt 35 000 zusätzliche Arbeitsplätze.

Etwas pessimistischer beurteilt die chemische Industrie die Beschäftigungsentwicklung. Hans-Günter Glass, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands BAVC, rechnet mit einer Fortsetzung des leichten Stellenabbaus von 0,4 % im Vergleich zum Vorjahr. Von Dramatik ist aber auch die Chemie weit entfernt. Eine gemeinsame Untersuchung mit der Gewerkschaft BCE hat laut Glass kürzlich ergeben, dass 80 bis 90 % der Stellen nicht abgebaut, sondern lediglich wegen der Ausgliederung von Unternehmensbereichen aus der Statistik gefallen seien.

In den vergangenen Wochen hatten BASF und Bayer wegen schlechter Quartalsergebnisse angekündigt, mehrere Produktionsstandorte zu schließen. Wie viele Stellen dabei in Deutschland abgebaut werden, ist bisher allerdings unklar.

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