Keine Zinssenkung
EZB lässt Leitzinsen unverändert

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Mittwoch die Leitzinsen in der Euro-Zone entgegen der Erwartung vieler Analysten unverändert gelassen. Der wichtigste Leitzins für die zwölf Euro-Länder liegt weiterhin bei 4,75 %.

Reuters FRANKFURT. Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht keine Anzeichen für eine weltweite Rezession und hält angesichts weiterer Inflationsrisiken an ihrer abwartenden geldpolitischen Haltung fest. Die Inflationsgefahren in der Euro-Zone seien zurückgegangen, aber noch nicht verschwunden, begründete EZB-Chef Wim Duisenberg die für viele Analysten und Marktteilnehmer überraschende Entscheidung der Währungshüter, den Schlüsselzins bei 4,75 Prozent zu belassen. Signale für eine baldige Zinssenkung gab Duisenberg nach der Ratssitzung am Mittwoch nicht. Vielmehr machte er klar, die EZB lasse sich nicht unter Druck setzen.

Analysten, die überwiegend eine Leitzinssenkung vorausgesagt hatten, erwarten diesen Schritt jetzt erst im Mai. Der Euro weitete während der Pressekonferenz seine Verluste aus. Am Aktienmarkt gerieten die Kurse nur zeitweise unter Druck, erholten sich später aber deutlich.

Solides Wachstum in Euro-Zone erwartet

Eine dramatische Wachstumsverlangsamung erwartet Duisenberg offenbar nicht. "Es gibt keine Anzeichen für eine globale Rezession." Die Wachstumsvorhersagen deuteten aber auf ein eingetrübtes externes Umfeld hin. "Wegen der Verschlechterung der weltweiten Konjunkturentwicklung werden wir in der Euro-Zone in diesem Jahr nicht die hohe Wachstumsrate vom Vorjahr erreichen können. Wir erwarten aber, dass das Wachstum in der Euro-Zone weiter solide bleibt", fügte Duisenberg hinzu. Der Wachstumsrückgang werde aber stärker als noch vor einigen Monaten angenommen ausfallen.

Duisenberg sagte, die EZB habe in den vergangenen Wochen immer von ihrer abwartenden zinspolitischen Haltung gesprochen. "Daran hat sich nichts geändert." Auf die Frage, ob ihn die Forderungen nach niedrigeren Zinsen interessierten, sagte er: "Man kann sagen: Ich höre dies, doch ich höre nicht zu." Geldpolitik müsse sich auf die mittelfristigen Aussichten für die Preisstabilität konzentrieren, begründete Duisenberg weiter den Zinsentscheid. Die Wirtschaft könne nur durch strukturelle Reformen gefördert werden.

Die EZB habe mit den Regierungen der Euro-Zone keine Vereinbarungen über eine abgestimmte Geld- und Finanzpolitik getroffen, sagte Duisenberg weiter. Die Bundesregierung hatte am Vortag mitgeteilt, sie setze sich für ein in den europäischen und internationalen Gremien koordiniertes Vorgehen ein, damit die globale Abschwächung des Wachstums möglichst bald überwunden werde. Auf die Kritik von Journalisten, die EZB-Ratsmitglieder hätten unterschiedliche Signale gegeben, sagte Duisenberg: "Ich denke, dass der EZB-Rat ein harmonischer Chor war, der zwar nicht unisono gesungen hat...aber der Klang war der gleiche."

Anstieg des Verbraucherpreisindexes sei vorübergehend

Die nominalen und realen Zinsen in der Euro-Zone seien im historischen Vergleich nicht hoch, sagte Duisenberg weiter. "Der Anstieg des Verbraucherpreisindexes auf über zwei Prozent ist vorübergehend", sagte Duisenberg. Die Inflationsrate werde aber noch einige Monate über zwei Prozent liegen. Es sei zu erwarten, dass die Rate im Verlauf des zweiten Halbjahres aber unter zwei Prozent - der Marke, bis zu der Preisstabilität gewährleistet ist - fallen werde, wie deutlich, sei abzuwarten. "Die Aufwärtrisiken für die Preisstabilität sind in den vergangenen Monaten zurückgegangen, ich habe aber nicht gesagt, dass sie verschwunden sind", sagte Duisenberg weiter. Der Euro sei stärker als von der EZB zunächst angenommen gefallen, was ebenfalls zur Inflation beitragen könne.

Die meisten Analysten erwarten nun, dass die EZB frühestens auf der übernächsten Sitzung am 10. Mai die Zinsen senken wird. Es gebe keinerlei Anzeichen für eine bevorstehende Zinssenkung, sagte Peter Saacke von Merrill Lynch in London. Er rechne für den 10. Mai mit einer Zinssenkung, doch nach den Worten Duisenbergs könnte sie auch später kommen. "Wir rechnen damit, dass die EZB am Ende mit einer Zinssenkung um 50 Basispunkte kapituliert", fügte Saacke hinzu. Ifo-Chefvolkswirt Willi Leibfritz erwartet dagegen eine baldige Zinssenkung.

Zinsen in Euro-Zone seit Oktober 2000 unverändert

Während die Notenbanken in den USA und Japan wegen des Wirtschaftsabschwungs ihre Geldpolitik in diesem Jahr bereits gelockert haben, sind die Zinsen in der Euro-Zone schon seit Oktober 2000 unverändert. Ihre bislang einzige Zinssenkung hatte die EZB im April 1999 beschlossen. Danach hatten die Währungshüter in sieben Schritten die Zinsen auf das jetzige Niveau angehoben. Die US-Notenbank Fed hat dagegen im ersten Vierteljahr den entscheidenden Zielsatz für Tagesgeld in drei Schritten um insgesamt 150 Basispunkte auf nunmehr 5,0 Prozent zurückgenommen.

Die EZB beließ den für die Refinanzierung der Geschäftsbanken maßgebliche Mindestbietungssatz beim Zinstender bei 4,75 Prozent und behielt damit auch die Sätze für Übernacht-Einlagen der Banken bei der EZB (Einlagenfazilität) und für Übernacht-Kredite (Spitzenrefinanzierungsfazilität) mit 3,75 Prozent beziehungsweise 5,75 Prozent bei.

Der Euro fiel nach der Zinsentscheidung gegen Dollar und Yen auf den niedrigsten Stand seit einer Woche und weitete während der Pressekonferenz seine Verluste aus. Der Deutsche Aktienindex (Dax) rutschte unmittelbar nach der Zinsentscheidung ins Minus, erholte sich später aber wieder.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%