Kenner empfiehlt große Fachabteilungen im Kaufhaus
„Den hab’ ich auch zuhause“

Markus Del Monego ist Berater in Sachen Wein. Für seine Weinseminare greift er auch gerne auf Weine aus dem Massengeschäft zurück. Solche Schnäppchen erzielen oft verblüffende Bewertungen.

Junge badische Weine säumen die Eingangspassage der Essener Kaiser?s-Filiale in der Rellinghauser Straße. Einzelne Flaschen stehen auf den gestapelten Kartons, daneben einige leere Probiergläser auf einem silbernen Tablett. Über den Pappkartons hängt ein buntes Landschaftsplakat der sonnenreichen Region, das zur Degustation bei gereihten Einkaufswagen und grellem Neonlicht einlädt.

Ein älterer Weinfachverkäufer geht mit einladendem Lächeln auf Markus Del Monego zu, als dieser den Supermarkt betritt. "Möchten Sie badische Weine probieren?", fragt er den Sommelier-Weltmeister und dachte sich bestimmt, dass dem Mitdreißiger beim Einkaufsbummel am freien Nachmittag die kostenlose Weinprobe gelegen kommt. Markus Del Monego lehnt schmunzelnd ab und geht zielstrebig quer durch den Supermarkt auf das Weinregal zu. Er kennt das meterlange Sortiment, das klassisch nach der Weinherkunft geordnet ist, weil er als Geschäftsführer des Essener Service- und Consulting-Unternehmens caveCo GmbH Tengelmann berät - und für Seminare gerne auch mal auf Weine aus dem Massengeschäft zurück greift. Solche Schnäppchen erzielen oft verblüffende Bewertungen.

Am schlichten Kaiser?s Weinregal hängen alle paar Meter zwei lange Papierstreifen mit großen Ziffern, an denen jeweils kurze Erläuterungen stehen. Jedem Preisschild ist eine dieser zehn Zahlen zugeordnet. "In diesen Weinführern für Rot- und Weißweine erfährt der Kunde auf einen Blick, welche Geschmacksrichtung der Wein hat." Trocken zum Beispiel ist Nummer 2 - und passt zu Fisch, Geflügel, Gemüse und Ziegenkäse. Praktischerweise berät sich der Kunde selbst über Charakter, Serviertemperatur und passenden Speisen. In Sekundenschnelle.

Genussexperte del Monego greift mit dem Arm vorsichtig zwischen die Flaschenreihen bis an die Wand und streicht mit den Fingern über die hinterste Flasche: "Kein Staub, keine Lücken, das ist eine gute Regalpflege." Das saubere Ergebnis lasse auf eine hohe Fluktuation schließen. So könnten auch die nachteilige Lagerung im Stehen und die erhöhte Raumtemperatur in Kauf genommen werden.

Mit ausgestrecktem Zeigefinger geht er die Sparte "Frankreich" durch. "Da ist er", sagt Markus Del Monego hoch erfreut und greift einen Chablis heraus: "Dieser Wein ist absolut restaurantfähig." Er beschreibt den 5,99-Euro-Fund als frischen, jungen Wein, der in der Nase eine wunderbare Frucht und Mineralität versprüht und Apfel sowie Aprikose durchkommen lässt: "Tolle knackige Säure, wunderschöne Länge. Den habe ich auch zuhause."

Ordentliche Weine bis sechs Euro seien im Supermarkt keine Rarität, und er spricht im selben Atemzug vom individuellen Anspruch und den Erwartungen, die der Kunde an den Wein habe: Für sauber produzierte und einfache, gut schmeckende Tropfen kann er Discounter, Supermärkte und Warenhäuser empfehlen.

Liegen die Erwartungen an den Wein bei Nachgeschmack, Komplexität und Tiefe, dann müsse der Kunde woanders suchen. Für Markus Del Monego ist die Frage nach dem besten Wein immer eine Frage nach dem individuellen Geschmack des Trinkers. Supermarktweine für bescheidene 3 Euro pauschal als schlechte Erzeugnisse zu kritisieren, lehnt er ab. Bei dieser geringen Investition stimme das Preis-Leistungsverhältnis in vielen Fällen - was bei Weinen aus dem höheren Preissegment nicht zwangsläufig der Fall sein müsse.

Bei den ungarischen Weinen im Kaiser?s-Regal angekommen, lächelt Markus Del Monego: "Für diesen restsüßen Muskat Ottonel wurde mir in Seminaren schon häufiger 40 Euro geboten. So gut kam der an." Auf dem Preisschild stehen lediglich 1,59 Euro.

Für anspruchsvolle Spitzen empfiehlt der Sommelier die große Fachabteilung im Kaufhaus: mit professioneller Beratung oder den Weinladen mit dem Händler seines Vertrauens. Beide decken das höhere Preissegment ab und können mit Raritäten und Geheimtipps aufwarten. Handelsketten sind auf ein einheitliches Sortiment bedacht und führen solche Spitzenweine nicht.

Deshalb spaziert Markus Del Monego zu den rustikalen Holzboxen, die in der Weinabteilung von Karstadt im Essener Rhein-Ruhr-Zentrum einen diskreten Charme von Weinkeller versprühen. Gedämpftes Licht und die zumeist liegenden Flaschen verstärken diese Atmosphäre. Weine bis 6 Euro werden umgeben von weitaus höherpreisigen Tropfen.

Italien und Frankreich sind in einzelne Weinbauregionen unterteilt, Chile heißt nicht einfach Neue Welt, und die Schweiz ist auch vertreten. An der Verkostungsbar steht ein Weinberater bereit. Der Fachmann ist offen für Fragen und Fachsimpeleien. "Eine Superüberraschung", ruft Del Monego und greift nach dem Riesling Schloss Vollrads - einem Spitzenweingut. "Toller, frischer knackiger Riesling. Ein Wein, der Spaß macht."

Gleich entdeckt er noch einen weiteren Wein, den er kürzlich anpries - seinen Eltern. Seitdem ist der Kangaroo Ridge für 3,99 Euro ihr Lieblingswein.

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