Kent Kresa ist Chef des US-Rüstungskonzerns Northrop Grumman
Der Tarnkappen-Manager

Er kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Da kommt er, der Chef des drittgrößten US-Rüstungskonzerns, aus dem fernen Los Angeles auf seiner Tour durch Europa nach Deutschland und trifft, wo immer er sich öffentlich zeigt, auf volle Säle. Und er, Kent Kresa, muss detaillierte Fragen von Journalisten beantworten.

BERLIN. Sie kreisen um ein Thema: Was wird aus der Kooperation mit HDW? Kauft Northrop Grumman die Kieler Werft? Kresa und sein Adlatus Brandon R. Belote III., genannt "Randy", geben sich überrascht: Da werde etwas falsch verstanden, erklärt er mit gutturaler Stimme bei einer Veranstaltung in Berlin.

Sein Stichwort heißt "Team-up", also gemeinsam Geschäfte machen. Zum Beispiel mit der Weiterentwicklung und dem Verkauf der Tarnkappenkorvetten von HDW/Kockums. Das ist alles - erst einmal. Der 64-jährige gebürtige New Yorker, der jedes seiner Worte mit Bedacht wählt, hat zurzeit ganz anderes im Sinn: Auf seiner gigantischen Einkaufstour, mit der er Northrop Grumman in den vergangenen Jahren zu einem der Top-Spieler im internationalen Rüstungsgeschäft gemacht hat, legt er momentan einen Zwischenstopp ein.

Das dritte Quartal war gegen den Trend der an den Börsen hochfliegenden US-Konkurrenten wie General Dynamics enttäuschend, ein Verlust unterm Strich. Analysten unken, die Waffenschmiede, deren Jahresumsatz einschließlich aller Sparten auf rund 18 Mrd. Dollar geschätzt wird, sei vielleicht zu schnell gewachsen. Der letzte Brocken jedenfalls will noch verdaut werden: Für 7,8 Mrd. Dollar hat Kresa nach einem monatelangen Übernahmekampf im Juli den Konkurrenten TRW gekauft. Die EU-Wettbewerbshüter haben dem Geschäft nun ihren Segen ohne Auflagen gegeben. Das erwartet Kresa auch von den

US-Kollegen.

Dem leicht untersetzten Mann im dunkelblauen Anzug mit Einstecktuch ist daher nicht nach Kaufen zu Mute: Kresa wirbt in Berlin lieber für seine Vision der Rüstungsindustrie von morgen. Transatlantische Kooperationen sollen um das "Beef" - die staatlichen Rüstungsprogramme - pokern. Und überhaupt: Das Ziel müsse die "Interoperabilität der verschiedenen Plattformen" der Heere des Westens sein, liest er im Fachjargon vom Blatt ab. Um es dann auf einen Slogan aus der Welt der Computerspiele herunterzubrechen: "Plug and play" - Konsole einstöpseln und losschießen

.

Der Sohn des Komponisten Helmy Kresa, der einst eng mit Irving Berlin ("There is no business like show business") zusammenarbeitete, gilt als einer der Visionäre des "Cyber War". "Tarnkappen-Executive" ist einer seiner Spitznamen, vielleicht auch, weil er so ruhig und unauffällig daherkommt. Kresa macht seinen Job ohne große Gesten. Aber er ist ein Querdenker, einer der Ersten, die die Bedeutung "intelligenter" Waffensysteme erkannt haben.

Als Kresa 1990 den Vorsitz von Northrop übernahm, war das Unternehmen noch hauptsächlich im Flugzeugbau aktiv. Heute, viele Übernahmen später - darunter auch Grumman Aerospace 1994 und Newport News Shipbuilding -, mischt der Konzern mit rund 100 000 Angestellten in allen zukunftsträchtigen Sparten des Kriegshandwerks mit.

Kresa hatte rechtzeitig erkannt, wohin die Reise ging: bei der Entwicklung unbemannter Flugzeuge wie dem "Global Hawk", der elektronischen Überwachung und dem Einsatz der längst totgesagten Kriegsschiffe als mobile Kommandozentralen für Kampfeinsätze. Der Vorstandschef ist auch persönlich vernetzt: Mit seinem digitalen Assistenten sagt er seinen Managern per E-Mail, wo es langgeht. "Man muss als Unternehmen eben agil sein", merkt er an.

Die wohl eindrucksvollste Wende hat seine Biografie direkt zu Beginn seiner Karriere genommen: Noch als Teenager agiert der kleine Kent aus der Showbiz-Familie Kresa als Schauspieler in TV- und Radiowerbespots. Doch sein Faible für Technik bricht sich Bahn: Er studiert am Massachusetts Institute of Technology mit dem Schwerpunkt Raketenabwehr. Bevor er 1975 bei Northrop beginnt, forscht er für das Pentagon in einem Institut, das sich mit weit vorausschauender Planung von Waffensystemen beschäftigt. Den Wechsel von der Kunst zum Krieg bedauert er nicht. Sogar sein Vater habe ihn darin unterstützt, sagt er milde lächelnd. Heute ist er auch Vizepräsident des Music Center of Los Angeles County. Dort sieht man ihn öfter im Publikum. Er habe eine "schöne Gesangsstimme", wird kolportiert.

Quelle: Handelsblatt

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