Kernenergie
Von Italien lernen

Die vier großen deutschen Stromversorger schöpfen neue Hoffnung: Deutschland könne sich seinen Sonderweg in Sachen Kernkraft auf Dauer nicht mehr leisten, ist ihre Botschaft. Die Kernkraftwerksbetreiber wollen alles daran setzen, die Anlagen hierzulande weiter laufen zu lassen. Beststätigt fühlt sich die Branche auch durch die Entwicklung im Ausland.

HAMBURG. Die vier großen deutschen Stromversorger ziehen selten an einem Strang. Zu unterschiedlich sind die Interessen, zu machtbewusst ist der eine oder andere Manager. Ein Thema freilich gibt es, das Eon, RWE, Vattenfall und EnBW eint: die Kernkraft. "Wir wollen gemeinsam raus aus den Schützengräben", sagt Walter Hohlefelder, Präsident des Deutschen Atomforum und bis vor wenigen Wochen Chef der Eon-Kernkraft-Sparte. An seiner Seite: die Kernenergie-Chefs der drei Konkurrenzkonzerne. Gemeinsam haben die Manager am Rande der Jahrestagung Kerntechnik in Hamburg zu einem Gespräch eingeladen, das zugleich Offenheit und neues Selbstbewusstsein demonstrieren soll.

Die Botschaft ist klar: Deutschland wird sich seinen Sonderweg in Sachen Kernkraft auf Dauer nicht mehr leisten können. Und die Kernkraftwerksbetreiber werden alles daran setzen, die Anlagen hierzulande weiter laufen zu lassen. Dass das in dieser Legislaturperiode nicht mehr zu machen sein wird, wissen die vier Manager ganz genau. Aber sie denken weiter und machen klar, dass sie bereit sind, einer künftigen Bundesregierung einen "politischen Preis" für längere Laufzeiten zu zahlen. Wie der genau aussieht ist nach wie vor unklar. Es kursieren seit geraumer Zeit verschiedene Versionen und Forderungen: Man könnte einen Teil der Gewinne aus dem Verkauf von Atomstrom in einen Forschungsfonds für Energie leiten oder für Entlastung beim Strompreis sorgen.

Ganz erfolglos ist die Beharrlichkeit der Branche nicht. Langsam steigt Umfragen zufolge die Zustimmung zur Kernkraft. Und auch innerhalb der SPD tut sich nach Einschätzung der Kernenergiebefürworter etwas: Zwar beharren die Sozialdemokraten auf Beibehaltung des noch von Rot-Grün ausgehandelten Atomausstiegs. Zwischen öffentlicher Verlautbarung und persönlichem Gespräch gebe es in den Reihen der SPD jedoch deutliche Unterschiede, will Hohlefelder festgestellt haben. Soll heißen: Selbst wenn die SPD an der nächsten Bundesregierung beteiligt sein sollte, sieht man durchaus neue Spielräume.

Mit Freude beobachtet die Branche die Entwicklung außerhalb Deutschlands. In Europa gehen die Finnen mit neuen Kernkraftwerken voran, auch die Briten wollen neu Anlagen bauen. Dass sich jetzt sogar Italien wieder zur Atomkraft bekennt, empfinden die deutschen Manager als Segen. Als Rot-Grün mit der Branche den Ausstieg vereinbarte, habe die Politik geglaubt, andere Länder würden dem Vorbild Deutschland folgen. "Doch genau das Gegenteil ist jetzt der Fall", stellt Hohlefelder zufrieden fest.

Und überhaupt: Die energiepolitischen Koordinaten haben sich aus Sicht der Branche in den vergangenen Jahren deutlich verschoben - natürlich in Richtung Atomkraft.

Tatsächlich haben die Themen Versorgungssicherheit und Klimaschutz an Bedeutung gewonnen. Seit ein paar Monaten spielt außerdem die Stromlücken-Debatte der Branche in die Hände. Die Kernenergie-Manager nutzen auch diese Vorlage: Ein vorzeitiges Abschalten von Kernkraftwerken sei angesichts drohender Engpässe volkswirtschaftlich unvernünftig. In der Fachwelt wird allerdings längst über die Stromlücke gestritten. Umweltschützer halten die maßgeblich von der Deutschen Energieagentur (Dena) angestoßene Stromlückenproblematik jedenfalls für übertrieben. Sie glauben, dass Deutschland auch ohne Kernkraft über die Runden kommt. Für die Branche freilich wäre das ein Unding: Den Manager schweben statt der von der Politik verordneten rund 32 Jahre Laufzeiten von 50 bis 60 Jahren vor. In diesem Zusammenhang weisen sie gerne auf das Beispiel USA, wo es rund 50 Meiler gibt, die 60 Jahre am Netz bleiben dürfen.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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