Kette schwerer Anschläge reißt weltweit nicht ab
Krieg im Irak schafft dem Terror neue Schlachtfelder

Vor allem aus zwei Gründen waren die USA in den Irak-Krieg gezogen: um Saddam Hussein zu entwaffnen und eine Brutstätte des internationalen Terrors auszuräuchern. Daran gemessen war der Feldzug ein Fehlschlag. Von atomaren, biologischen oder chemischen Waffen ging keine akute Gefahr aus, offenbar gab es sie gar nicht. Die USA erreichten mit dem Feldzug das Gegenteil ihres Ziels: der Irak entwickelte sich zur Spielwiese islamistischer Terroristen aus aller Welt und rund um den Globus reißt die Kette schwerer Anschläge nicht ab.

HB DÜSSELDORF. Die Chronik des Jahres spricht eine deutliche Sprache. Seit US-Präsident George W. Bush am 1. Mai das Ende der schweren Kampfhandlungen erklärt hatte, kamen im Irak 200 US-Soldaten ums Leben, die Mehrzahl von ihnen bei Anschlägen. Die Zahl der getöteten Irakis dokumentiert niemand. Allein bei einem Mordanschlag auf den Schiitenführer Mohammed Bakr el Hakim starben in Nadschaf 80 Menschen. Selbst die humanitären Helfer der Uno im Irak wurden zur Zielscheibe: Beim Anschlag auf das Uno-Hauptquartier in Bagdad kamen im August 22 Menschen ums Leben, darunter der Leiter des Uno-Einsatzes Sergio Vieira de Mello. Ebenso hatten die US-Verbündeten aus Großbritannien, Italien und Polen Opfer zu beklagen.

Hoffnungen, dass der Irak-Krieg die Extremisten im Umfeld des Terrornetzes El Kaida von Osama bin Laden entmutigt habe, erwiesen sich als verfrüht. Wohnanlagen mit West-Mietern wurden im saudischen Riad im Mai und im November angegriffen, bei einer ganzen Serien von Selbstmordanschlägen in Casablanca starben 42 Menschen und in Jakarta war ein internationales Hotel Ziel eines Bombenanschlages. Zuletzt rückte die Türkei ins Visier der Terroristen: zunächst griffen sie im November zwei Synagogen in Istanbul an; wenige Tage später eine britische Bank sowie das britische Konsulat in Istanbul - mehr als 50 Menschen starben.

Alle Anschläge folgen einem ähnlichen Muster: Selbstmordattentäter nutzen zu rollenden Bomben umgebaute Fahrzeuge und greifen zeitgleich mehrere Ziel an. Ob in jedem Fall El Kaida mit den Anschlägen verbunden ist, bleibt unklar - doch soll von den Istanbuler Attentaten eine direkte Linie zu bin Laden führen, der noch immer unauffindbar ist.

Die Bedrohung in der westlichen Welt besteht also fort, wenn die Gefahr auch oft schon wenige Tage nach einem Anschlag ignoriert wird. Selbst in den USA gehe der Schwung im Kampf gegen den Terror verloren, warnte jetzt eine Expertenkommission der US-Administration: Amerikaner hätten ein kurzes Gedächtnis, selbst die aktuelle Grippe-Welle reiche aus, dass viele Behörden in ihrer Aufmerksamkeit gegenüber den Terrorgefahren nachließen, warnte ein Kommissionssprecher. Selbst wichtige Dinge wie die Finanzierungswege der Terrorgruppen seien mehr als zwei Jahre nach den Anschlägen vom 11. September nicht erforscht, geschweige denn unterbunden, kritisierte der US-Kongress. Bush selbst bleibt kämpferisch. Der Krieg gegen den Terrorismus sei "die Herausforderung des 21. Jahrhunderts", sagte er jetzt in einem Interview.

Und die Massenvernichtungswaffen? Wenn Saddam schon keine hatte, hätte er sie sich rasch besorgen können, sagte Bush dem US-Sender ABC: "Wo ist da der Unterschied?"

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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