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Kiefer ratlos und total frustriert

London (dpa) - Ratlos, mutlos, fassungslos: Ausgerechnet bei seinem Lieblingsturnier in Wimbledon hat Nicolas Kiefer einen neuerlichen Tiefschlag der übelsten Sorte einstecken müssen.

London (dpa) - Ratlos, mutlos, fassungslos: Ausgerechnet bei seinem Lieblingsturnier in Wimbledon hat Nicolas Kiefer einen neuerlichen Tiefschlag der übelsten Sorte einstecken müssen.

Aber das Schlimmste war: Er musste eingestehen, sich den Tiefschlag selbst zugefügt zu haben. «Ich habe zunächst unglaublich gutes Tennis gespielt und mich dann selbst geschlagen», sagte der beste deutsche Rasenspieler nach dem Fünfsatz-Debakel gegen Thomas Johansson, das wie im Vorjahr zum Aus in Runde eins führte.

Nach zweieinhalb Sätzen hatte der Schwede wie der krasse Verlierer ausgesehen. Doch im Anschluss an eine neuerliche Regenunterbrechung drehte er den Spieß um und spielte den mehr und mehr verunsicherten Kiefer an den Rand des Wahnsinns. «Warum ich plötzlich so schwach war, kann ich mir nicht erklären», meinte der nach langer sportlicher Talfahrt wieder Höhenluft schnuppernde Daviscupspieler und blickte nach dem Rückschlag wie versteinert in die Runde. Da waren sie wieder, die Gedanken des Vorjahrs, als er gleichfalls in Runde eins gescheitert und mutlos, ratlos, fassungslos war.

Mit einem Schlag hatte er die harte Arbeit der vergangenen Monate in Frage gestellt. Stetig war es nach dem Trainerwechsel zu Thomas Hogstedt - einem Schweden wie Australian-Open-Sieger Johansson - bergauf gegangen. Einen prächtigen Eindruck hatte er zuletzt in Halle auf Rasen hinterlassen, den die Viertelfinal-Niederlage gegen Daviscup-Kollege Rainer Schüttler nicht zunichte machte.

Wimbledon-Legende Boris Becker meinte sogar: «Man kann von ihm auf dem Heiligen Rasen Großes erwarten. Aber Talent allein reicht nicht. Er muss endlich einmal seinen Kopf zusammen halten.» Wie wahr. Denn nach den quälenden Unterbrechungen im Regenlotto gegen Johansson, der während der vorigen Saison mit kaputtem Knie komplett auf Eis gelegen hatte, spielte der Holzmindener kopflos und «unerklärlich schwach», wie er erkannte und sich gnadenlos vorwarf.

Zumindest das hat sich geändert. Selbstkritik war seine Sache bislang nämlich nicht unbedingt. Nach der 0:6-Höchststrafe im fünften Satz ging der bisweilen knorrige Niedersachse aber schonungslos mit sich ins Gericht: «Wenn man so verliert, ist man selber schuld. Ich spiele jetzt seit zehn Jahren Tennis. So etwas darf einem nicht passieren.» Woher aber die innere Unruhe herrührte, warum er den Faden verlor und von einem Moment auf den anderen hektisch und unüberlegt agierte, «kann ich mir nicht erklären», meinte Kiefer.

Während die alten Herrschaften Martina Navratilova und Goran Ivanisevic am Eröffnungstag ein weiteres Wimbledon-Hoch vor dem unwiderruflichen Rücktritt erlebten, stürzte Kiefer jäh ab. Die Schmach mochte ihn sogar so hart getroffen haben, dass er gleich alles in Frage stellte. «Ich habe für einige Turniere gemeldet», sagte er. «Aber ob ich auch spiele, weiß ich nicht.» Ratlos, mutlos, fassungslos. Es wird Zeit, dass Kiefer den Kopf endlich zusammen hält. Damit das Talent auch wieder erfolgreich sein kann.

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