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Kinder des Westens, hört die Signale!

Ein junger Historiker erklärt, warum Globalisierungsgegner eigentlich Freunde des Freihandels sein müssten

DAVID SELBACH, KÖLN
HANDELSBLATT, 2.7.2003 

Schade. Genau die Menschen, die "Das kapitalistische Manifest" unbedingt einmal lesen sollten, werden es nach kurzem Blick auf den Titel angewidert zurück ins Regal stellen: die jungen Demonstranten in den reichen Ländern des Westens etwa, Verbandslobbyisten und linke Politiker.

Vermutlich will der Eichborn-Verlag mit dem reißerischen Titel den Rummel wieder aufleben lassen, den der junge Historiker Johan Norberg in seiner schwedischen Heimat verursacht hat, obwohl er sein Buch eher dezent "Verteidigung des Weltkapitalismus" genannt hat. Es handelt sich in der Tat nicht um ein "Manifest", sondern um eine nüchterne Analyse, warum nur die globalisierte Marktwirtschaft erreichen wird, was sich Globalisierungsgegner erhoffen: Wohlstand, Sicherheit und eine saubere Umwelt. Weltweit.

"Das 20. Jahrhundert hat deutlich gezeigt, dass kein anderes Wirtschaftssystem als der Kapitalismus mit der Demokratie vereinbar ist", schreibt Norberg etwa. Darum sei das Gerede von der "Diktatur des Marktes" nicht nur verunglimpfend, sondern "abgrundtief ignorant".

Er widerlegt unaufgeregt, aber eindringlich all die platten Halbwahrheiten von Attac, Viviane Forrester und Konsorten. Mit nackten Zahlen. Er zeigt, wie internationale Arbeitsteilung und Handelsliberalisierung zu einem nie da gewesenen Wohlstandszuwachs geführt haben. Und dass die Schere zwischen Arm und Reich keineswegs immer weiter auseinander klafft: Denn alle Einkommensgruppen haben ihr Einkommen in den letzten 50 Jahren stark gesteigert. Auch in Afrika.

Detailliert zeigt er am Beispiel der protektionistischen Länder Südamerikas im Vergleich zu den erfolgreichen Japanern und Hongkong- Chinesen, was passiert, wenn ein Land den Empfehlungen der Globalisierungsgegner folgt: Also hohe Zollmauern errichtet und die heimische Industrie päppelt, um erst einmal "unabhängig" vom Welthandel zu wachsen. Länder, die das taten, fielen in Wachstum und Produktivität dramatisch zurück. Die Asiaten, die ihren Handel umfassend liberalisierten, erlebten dagegen gleichzeitig einen beispiellosen Boom.

Warum nur wirbt auf deutschen Schulen keiner so für die Marktwirtschaft? Vielleicht gehört das Gros der deutschen Lehrer doch zu den Anti-Konsumisten der 70er Jahre - mittlerweile als Bildungsbürger ergraut zwischen Klassikradio und Gemüse-Abo. Kein Wunder, dass viele Schüler und Studenten bei Begriffen wie "Freihandel" und "Marktwirtschaft" rebellieren. Sie wissen es nicht besser.

Vermeintlich radikale junge Globalisierungsgegner wären nach Lektüre dieses erfrischend klaren, undogmatischen Buches wahrscheinlich froh, endlich richtig rebellieren zu dürfen. Der gerade mal 28-jährige Autor ist schließlich einer von ihnen, und ihr gemeinsamer Gegner eine Obrigkeit, die den freien Austausch unterdrückt: sei es der Austausch von Ideen, von Meinungen - oder eben der von Waren.

So wie die EU, die ihre unrentable Landwirtschaft um beinahe jeden Preis am Leben erhält. Auch die jüngsten Brüsseler Beschlüsse ändern wenig daran, dass unter Zuhilfenahme von Milliardenbeträgen Produzenten aus Entwicklungsländern vom Markt gedrängt werden. Den meisten Globalisierungsgegnern gefallen solche Politikmuster. Norberg nennt sie eine "Schande".

Kernproblem der Debatte um die Globalisierung ist also ein Missverständnis: Fast alle von Kritikern aufgeführten Übel sind demnach bei genauerer Betrachtung nicht Folgen des Weltkapitalismus. Sondern von Zollschranken, Monopolen und des Wirkens korrupter Regime.

Norberg ruft der wütenden Jugend des Westens zu: Lasst die Entwicklungsländer in den Welthandel eintreten! Und protestiert lieber, weil die EU ihre Bauern subventioniert und so die Dritte Welt ausbootet. Und weil westliche Gewerkschaften gegen "Lohndumping" in Mittel- und Osteuropa zu Felde ziehen. Denn eine solche Politik beutet wirklich die Schwachen aus.

Schritt für Schritt demontiert Norberg die Mythen vom bösen Weltkapitalismus, der Milliarden in Hunger und Elend stürzt: Etwa, dass weltweite Sozial- und Umweltstandards her müssten, um die Arbeiter in den Entwicklungsländern vor Ausbeutung zu schützen. Sicher sind die Arbeitsbedingungen in vielen Fabriken der Dritten Welt schlimm, argumentiert er - aber wenn wir die armen Länder zu höheren Löhnen und kürzeren Arbeitszeiten zwingen, bevor ihre Produktivität soweit ist, werden sie überhaupt nicht mehr konkurrenzfähig sein. Praktisch, zeigt Norberg, heißt auch das Protektionismus. Oder, in einfachen Worten: "Ihr seid zu arm, um mit uns Handel zu treiben, und wir werden mit euch keinen Handel treiben, bevor ihr nicht reich seid."

Und was ist mit Kinderarbeit? werden dann viele einwenden. Sicher, einer der unerfreulichsten Zustände in vielen Entwicklungsländern. Nur wird man ihn durch Verbote schon gar nicht beseitigen. Norberg berichtet, dass Kinder, die auf Grund wohlmeinender Boykottaufrufe aus den USA oder Deutschland arbeitslos geworden waren, anschließend in der Prostitution landeten. Und aufs Neue wiederholt er, was eigentlich Schulstoff sein sollte: Nur durch Wachstum wird es Produktivitätsfortschritt geben - mithin auch bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen. Und Wachstum entsteht aus freiem Handel.

Letztlich, das ist Norbergs Fazit, haben wir jedenfalls mehr Grund optimistisch zu sein, als in Angst vor dem Wandel zu erstarren. Sein Buch ist ein ebenso lesbarer wie fundierter Beitrag zum Verständnis globalwirtschaftlicher Zusammenhänge. Zumindest das sollten Globalisierungsgegner wissen, wenn sie einen Bogen darum machen.

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