Kinderbetreuung
Polit-Opas im Krippenfieber

Im Streit um Krippenplätze sind die besten Verbündeten von Familienministerin Ursula von der Leyen keine Politiker, sondern deren Töchter oder Partnerinnen: Ob Edmund Stoiber, Peer Steinbrück oder Christian Wulff - alle wurden von den Frauen in der Familie oder an ihrer Seite "eingenordet". Nur das parlamentarische Mittelalter sträubt sich noch ein bisschen.

BERLIN. Viel Feind, viel Ehr. Kein anderes Kabinettsmitglied hat von beidem so viel wie Familienministerin Ursula von der Leyen. Ihr Vorstoß, flächendeckend Deutschland mit Kinderkrippen zu beglücken, hat sie ungeheuer populär gemacht. Vor Ort, in den Städten und Gemeinden in ganz Deutschland, hat sie solch hohe Erwartungen ausgelöst, dass ihr Vorstoß in der virtuellen Atmosphäre im politischen Raumschiff Berlin kaum mehr wegzubügeln ist.

Aber mit der Begeisterungswoge wächst auch die Zahl der Gegner. Die SPD ist beleidigt, weil Sozialpolitik, also Geldausgeben für Nettes, zu ihrem Traditionskernbestand zählt. Die CDU-Ministerpräsidenten sind sauer, weil von der Leyen zwar den Ruhm erntet, aber nur die Baukosten zahlen will. Die langfristigen Kosten für den Betrieb und die Tagesmütter bleiben bei den Ländern. Die CSU murrt, weil sie das idyllische Familienbild gefährdet sieht, wenn Mama sich vom Herd entfernt.

In dieser Stunde der politischen Not springt der Familienministerin eine bunte Koalition von Unterstützern zur Seite. So war es Edmund Stoiber, bekanntlich CSU, der in den Koalitionsverhandlungen ihr familienpolitisches Kapitel gerettet hat - gegen den Willen der Ministerpräsidenten, die es am liebsten eingestampft, am zweitliebsten auf dem politischen Basar eingetauscht hätten, etwa gegen ein Entgegenkommen der SPD an anderer Stelle, vielleicht bei der Kernenergie?

Im Kabinett wiederum ist es der kühle SPD-Macho Franz Müntefering, der beim Familiengedöns wohlmeinend zuhört. Wolfgang Schäuble, der nach außen kälteste Haudegen der Union, gibt gelegentlich taktische Tipps, wo sich Nachgeben lohnt und wo sich Härte auszahlt. Selbst Peer, der Bulldozer soll schon gelegentlich weiche Baggerschaufeln gezeigt haben, wenn es im kleinen Kreis um die K-Frage geht: Finanzminister Peer Steinbrück, dessen Konsolidierungskurs von niemandem sonst so frech attackiert wird, gilt als brutaler, manchmal beleidigender und schroffer Gegner der kleinen Blonden aus Hannover und ihrer gewagten Finanzierungsphantasien, die jedem Haushälter den Angstschweiß auf die Stirn treiben.

Aber Steinbrück hat zwei schwache Stellen: Katharina und Anne. Seine Töchter sollen sich weniger für Konsolidierung und mehr für Krippenplätze interessieren, heißt es parteiübergreifend. So wie auch Stoibers Tochter Constanze, mit deren Kindern sich Opa Edi gelegentlich fotografieren lässt und dabei gar nicht so schmallippig wirkt wie üblich. Es sind die erwachsenen Töchter und Enkelinnen, die die Polit-Opas zur neuen Koalition in der Familienpolitik bringen.

Auch anderswo wirken die Argumente vom familiären Frühstückstisch und weichen eherne Prinzipien auf. Christian Wulff, als Ministerpräsident Niedersachsens lange ein erbitterter Gegner des Krippen-Komplotts, gilt mittlerweile als warmherziger Befürworter. Die neue, berufstätige Lebensgefährtin ist allein erziehende Mutter eines Dreijährigen. Aus dieser Sichtweise ändern sich politische Notwendigkeiten. Die politische Wende Wulffs erfolgte zeitgleich mit dem Wechsel von der familiären Vollversorgung zur harten Realität der berufstätigen Partnerin, die durch Krippenplatz-Ablehnungsbescheide geprägt ist.

Die jüngeren Abgeordneten, die wenigen Frauen ebenso wie die Männer, sind ohnehin bereit, notfalls per Telefonkette alarmiert einzuspringen, wenn es eng wird für von der Leyen. Offene Gegnerschaft schlägt ihr nur vom Mittelalter im Parlament entgegen. Zwei Wochen im Monat ist der Durchschnittsabgeordnete fern der Heimat in Berlin. Die heimische Absenz hat sich verlängert, seit der Bundestag nach Berlin verlagert wurde, unerreichbar für den Tagestrip aus den Bevölkerungszentren am Rhein. Außerparlamentarische Termine werden neuerdings nach dem Ferienkalender von Berlin und Brandenburg geplant, und der deckt sich nicht mit dem in NRW oder Bayern.

Auch im Urlaub gehört daher der Parlamentspapi nicht mehr der Familie, sondern enteilt in die ferne Hauptstadt. Das läuft nur, wenn die Ehefrau daheim im Wahlkreis Rundumversorgung der Familie garantiert. Die eigene Berufstätigkeit fällt damit flach - und das hat politische Konsequenzen. Denn im ideologischen Kampf der liebevollen Vollzeit-Mütter gegen die berufstätigen Rabenmütter mit rotznasigen Krippen-Gören gibt es kein Verzeihen. Die Zustimmung zur Krippenlösung gilt als Abwertung des eigenen, oft unfreiwilligen Lebensmodells und wird über das Abstimmungsverhalten kontrolliert.

Nur ein Kabinettsmitglied offenbart keinerlei familienpolitische Vorliebe: Horst Seehofer. So oder so, es würde als weitreichendes Bekenntnis gewertet.

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