Kinokarten billiger
Kino wird Opfer der Internet-Piraterie

Die deutsche Filmwirtschaft bekommt die konjunkturelle Flaute und die Auswirkungen der Internet-Piraterie derzeit voll zu spüren. Auch die zweite Auflage des Hollywood-Kassenschlagers "Matrix", die vor wenigen Wochen in den Kinos zu sehen war, hat der Branche nicht viel geholfen. Für das erste Halbjahr fällt die Bilanz der Filmförderungsanstalt (FFA) ernüchternd aus: Nur 71,3 Millionen Zuschauer fanden bis Ende Juni den Weg in die Kinos. Das sind über 11 % oder 9 Millionen weniger als noch im ersten Halbjahr 2002. Auch der Umsatz der Kinobetreiber schrumpfte in den ersten sechs Monaten 2003 um über 12 %: Sie spielten nur noch 414 Mill. Euro ein. Im Vorjahr setzten die Firmen noch 474 Mill. Euro um.

BERLIN. Ein Grund für den Einbruch in der Kinobranche sei der heiße Sommer in diesem Jahr - viele Menschen hätten ihre Freizeit an anderen Orten als im Kino verbringen lassen, sagte der FFA-Vorsitzende Rolf Bähr. Doch das Jahrhundertsommer-Syndrom ist nur eine der Ursachen für die Kino-Krise. "Das illegale Kopieren von Kinofilmen auf DVD trifft in diesem Jahr erstmals massiv die Kinoumsätze", sagt Bähr. Die Internet- und Videopiraterie stellt eine wachsende Bedrohung für die Film- und Videowirtschaft dar. Besonders in Nordrhein-Westfalen habe sich der Vertrieb illegaler Filmkopien stark ausgebreitet. Die Branche schätzte bereits im vergangenen Jahr die Umsatzeinbußen durch illegal kopierte Filme für die deutschen Hersteller von DVDs und die Filmverleiher auf 350 Mill. Euro. "Die Summe dürfte in diesem Jahr noch höher ausfallen", schätzt Bähr.

Die Deutsche Filmwirtschaft in Zahlen

  • Kinobetreiber senken die Eintrittspreise: Im ersten Halbjahr sind die Preise für Kinokarten bundesweit um 1,4 % gesunken. Besonders die teuren westdeutschen Kinos senkten ihre Preise - um durchschnittlich 1,5 %. Die Kinobetreiber reagierten so auf die schrumpfenden Besucherzahlen.
  • Weniger Investitionen in Kinos: In diesem Jahr wurden erstmals ebenso viele Kinos neu eröffnet wie geschlossen. Trotz der Insolvenz des Kinobetreibers Ufa werden die Häuser weiter betrieben. Der Boom der Multiplex- Kinos scheint beendet: Nur ein neuer Filmpalast ging an den Start - in München.
  • Deutsche Filme im Ausland besonders erfolgreich: "Good Bye, Lenin" ist bereits in 62 Länder verkauft. Der Oscar-Preisträger "Nirgendwo in Afrika" spielte bisher in den USA einen Umsatz von 5,8 Mill. Euro ein.

Für einen der größten deutschen Produzenten und Verleiher, die Münchener Constantin Film AG, sind Raubkopien eine ernst zu nehmende Umsatzbedrohung. "Die Branche hat die Schnelligkeit der Ausbreitung illegaler Kopien eindeutig unterschätzt", sagt Thomas Friedl, Verleih- und Marketing-Vorstand von Constantin. Schon bei der Neuauflage des Films "Erkan & Stefan" im Sommer 2002 habe der von Constantin vermarktete Film knapp 500 000 Kinobesucher weniger gehabt als erwartet, weil der Film schon vor dem Kinostart auf illegal kopierten DVDs zu haben war. Die Piraterie könnte bewirken, dass künftig die Lizenz-Preise für die DVD- und Fernseh-Auswertung von Filmen fallen würden. Damit seien alle Teile der Unterhaltungsindustrie bedroht. "Wir brauchen einen stärkeren gesetzlichen Durchgriff gegen Internet-Piraten", fordert der Constantin-Vorstand.

Neben den illegalen Kopien beeinflusste aber auch die Qualität der Filme die sinkenden Kinoumsätze. "Wir hatten ein viel schwächeres Angebot aus den USA als im vergangenen Jahr", beschreibt Bähr die Situation. Auch im Juli bleiben angepriesene Leinwand-Hits hinter den Erwartungen der Verleiher und Kinobetreiber zurück: Der zweite Teil von "Drei Engel für Charlie" kam in Deutschland nur auf 1,5 Millionen Zuschauer, "Terminator 3" lockte bisher nur 1,7 Millionen Menschen in die Kinos.

Gut steht dagegen der deutsche Film da: Mit über 16 % erreichte er im ersten Halbjahr den höchsten Kino-Marktanteil der vergangenen sechs Jahre. Sechs Millionen Kinobesucher entschieden sich für den Überraschungshit "Good Bye, Lenin" der unabhängigen Berliner Firma X-Film und X-Verleih. Der Film spielte in Deutschland bisher über 36 Mill. Euro ein. Der Kinderfilm "Das fliegende Klassenzimmer" lockte 1,8 Millionen Zuschauer an.

Für das Gesamtjahr hofft Bähr nun auf Kassenknüller im Herbst wie "Matrix 3" und doch noch stabile Umsätze im Vergleich zum letzten Jahr. Auch der neue Sönke-Wortmann-Film "Das Wunder von Bern" soll den Ausgleich bringen. Für den Verleiher Senator Film AG, der heute zur Hauptversammlung lädt, muss sich das Wunder ebenfalls zeigen. Die Branche erwartet für den Fußball-Film mindestens drei Millionen Zuschauer.

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