Kirch beugt sich dem Druck der Politik
ARD und ZDF verlassen als Sieger den Platz

Der Druck hätte nicht größer sein können. Politiker mit besonderem Gespür für die deutsche Volksseele waren sich in ungewohnter Weise einig: Die Fußballweltmeisterschaften müssen auch künftig in ARD und ZDF zu sehen sein.

HB DÜSSELDORF. So appellierte Kanzler Gerhard Schröder zum Beginn der Fastenzeit ganz persönlich an TV-Altmeister Leo Kirch; auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber profilierte sich als Freund der Fußballmassen.

Am Ende beugte sich der mächtige Konzern der übermächtigen politischen Fußballkoalition. Selbst für Leo Kirch war das Pokerspiel um die WM-Rechte eine neue Erfahrung. Den breiten Widerstand gegen eine Lösung ohne die Öffentlich-Rechtlichen hatte der Konzernlenker doch unterschätzt.

Auch wenn die Summen um Sportrechte längst astronomische Ausmaße angenommen haben, das Geld war am Ende kein Hindernis für ARD und ZDF. Die Summe von 225 Millionen Mark für die WM 2002 in Asien ist für die beiden Sender zu finanzieren. Doch es ging um mehr, nämlich um die Garantie für die Übertragung des Fernseh-Ereignisses schlechthin, der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Die haben ARD und ZDF in den Geheimverhandlungen von gestern erhalten, für beide ist das ein wichtiger Sieg. Denn eine WM ohne die Öffentlich-Rechtlichen hätte eine scharfe Diskussion um die im EU-Vergleich hohen Rundfunkgebühren ausgelöst. Wer erstklassige Preise verlangt, der muss auch erstklassige Programme anbieten, das ist beiden Sendern klar. Jetzt muss nur noch die nicht gerade harmonische ARD-Intendantenrunde für den ausgehandelten Deal grünes Licht geben.

Leo Kirch kommt die Einigung mit seinen Gegenspielern Albert Scharf von der ARD und Dieter Stolte vom ZDF gelegen. Endlich fließt wieder Geld in die Kassen. Schließlich muss Kirch große Geschäfte finanzieren. Der teure Einstieg in die Formel 1 und das damit verbundene EM.TV-Abenteuer sind selbst für den 74-jährigen Filmhändler aus München nicht aus der Portokasse zu finanzieren. Zudem hat sich das Interesse anderer Sender an den Fußballrechten sehr in Grenzen gehalten. Erzrivale RTL streckte nicht gerade gierig seine Hände aus. Und ob ein Deal mit der konzerneigenen Senderfamilie Pro Sieben und Sat 1 überhaupt Sinn macht, erscheint mehr als fraglich. Zudem bekommt nun das lahmende Bezahlfernsehen Premiere World im Gegenzug von ARD und ZDF attraktive Sportinhalte; hatte doch Leo Kirch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er gerne die Rechte der Öffentlich-Rechtlichen an der Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal und an den Olympischen Spielen bis 2008 nutzen möchte.

Freuen dürfen sich am Ende die Fußballfans. Sie sitzen beim gebührenfinanzierten TV weiter in der ersten Reihe. Wer mit den Stars mitfiebern möchte, der braucht nun nicht für teures Geld einen Pay-TV-Kanal zu abonnieren.

Und doch kann sich auch Leo Kirch als Sieger fühlen. Denn durch die Einigung hat er eine Änderung des Rundfunkstaatsvertrages vermieden. Ein Modell nach dem Vorbild Großbritanniens, das den Fußball als nationales Heiligtum für das frei empfangbare Fernsehen schützt, hätte dem lukrativen Rechtehandel in Europas wichtigstem Medienmarkt den Garaus gemacht.

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