Kirch-Gruppe kämpft ums Überleben
Reportage: An die Wand gespielt

Leo Kirchs Medienreich ist in seiner bisher schwersten Krise: Banken, Mitarbeiter und Geschäftspartner werden von Tag zu Tag nervöser. Sogar die Politik geht auf Distanz, und die Bayerische Landesbank mahnt eine schnelle Lösung an: Der Countdown hat begonnen.

HB MÜNCHEN. Leo Kirch ist nicht mehr der Alte. "Angeschlagen und verunsichert" wirke der mächtige Medienunternehmer plötzlich, berichten Verhandlungspartner. Der 75-jährige Münchener wird seinem Image als knallharter Kaufmann nicht mehr gerecht. "Kirch hat Angst um sein Lebenswerk", weiß ein führender Banker.

So verworren die Lage rund um die Springer-Beteiligung, die Formel-1-Anteile und die in Kürze fälligen Kredite auch ist; eins steht fest: Leo Kirch kämpft um das nackte Überleben seines weit verzweigten Firmenimperiums. Und er weiß, dass es diesmal um alles geht. Die Schlinge zieht sich immer enger. Wenn der Chef der Deutschen Bank öffentlich die Kreditwürdigkeit des zweitgrößten deutschen Medienunternehmens anzweifelt, dann fehlt nicht viel bis zum endgültigen Aus. Die Großen der Branche wittern bereits leichte Beute: Bei einer eventuellen Zerschlagung des Münchener Konzerns will niemand zu kurz kommen.

Aber noch sind Kirch und sein Vize Dieter Hahn nicht geschlagen. Beide haben viele Finanzkrisen erfolgreich gemeistert. Immer taktierten sie bis zur letzten Minute und konnten dann plötzlich eine Lösung, meist einen neuen Geldgeber, präsentieren. Noch Anfang Oktober scherzte Kirch in einem seiner wenigen Zeitungsinterviews über Hahn: "Dieter weiß, wie man Schulden bezahlt. Ich wusste nur immer, dass ich sie bezahlen muss."

Demonstrative Gelassenheit

Doch inzwischen liegen die Dinge offenbar anders. In der schlichten Kirch-Zentrale im Münchener Vorort Ismaning wird zwar Gelassenheit demonstriert. Aber der Schuldenberg des Konzerns hat inzwischen die beängstigende Höhe von etwa sechs Milliarden Euro erreicht. Und Kirch hat sich mit weiteren Zahlungsverpflichtungen in eine scheinbar ausweglose Situation manövriert. Springer-Chef Mathias Döpfner will eine Option einlösen und für eine elfprozentige Beteiligung an Pro-Sieben 1-Sat rund 770 Millionen Euro sehen. Im Herbst kann dann Rupert Murdoch seinen Premiere-Anteil an Kirch verkaufen - und dafür weit mehr als 1,5 Milliarden Euro plus Zinsen verlangen. Dazu kommt: Der für Juni versprochene Börsengang von Kirch Media wackelt. Ist der Konzern nicht bis 2003 börsennotiert, können die übrigen Gesellschafter - von Lehman Brothers bis Berlusconi - ihr Geld zurückverlangen.

Die Nervosität bei Kirch ist groß. So reagierte etwa der für Sportrechte zuständige Kirch-Vorstand Alexander Liegl, sonst als überaus kühl bekannt, gestern ungewohnt gereizt. Die eingeladenen Journalisten hatten nicht über Sportprogramme, sondern über die angespannte Finanzsituation des Konzerns reden wollen. Gewerkschafter in München berichten, plötzlich gebe es immer öfter Anfragen von Kirch-Angestellten. Manche füllen angeblich in aller Eile Mitgliedsanträge aus - sicher ist sicher.

Fernsehübertragung nicht gefährdet

Sogar der mächtige Weltfußball-Verband sah sich genötigt, Bedenken zu zerstreuen. Eine mögliche Kirch-Pleite könne die Fernsehübertragung der Fußball-WM nicht gefährden, ließ die Fifa verkünden. Die Münchener haben nicht nur die weltweiten TV-Rechte gekauft und vertrieben. Sie sind auch für die Übertragung der 64 Spiele verantwortlich.

Auch bei den Kredit gebenden Banken wächst die Unruhe. Werner Schmidt, Chef der Bayerischen Landesbank, bei der allein Kirch mit 1,9 Milliarden Euro in der Kreide steht, muss seine Kollegen bei den anderen Instituten bereits zur Geschlossenheit mahnen. Denn jeder ist überzeugt: Wenn eine Bank die Nerven verliert und ihren Kredit nicht verlängert, dann fällt das gesamte Kartenhaus zusammen.

Schon im Dezember spitzte sich die Lage gefährlich zu. Die Dresdner Bank forderte einen Kredit über 460 Millionen Euro ein. Doch Kirch und Hahn konnten die Banker beschwichtigen und verpfändeten die 25-prozentige Beteiligung am spanischen TV-Sender Telecinco. Die Dresdner gewährte schließlich Aufschub - aber nur bis April dieses Jahres.

Auch die Politiker werden immer nervöser. Schon machen Gerüchte die Runde, Bundeskanzler Gerhard Schröder arbeite an einer nationalen Auffanglösung. Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye dementierte allerdings umgehend. Auch CSU-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber ist in Bedrängnis. Jahrelang unterstützte er Unionsfreund Kirch. Erst Anfang vergangenen Jahres intervenierte sein Staatskanzleichef Erwin Huber bei den Banken nochmals für neue Kirch-Kredite. Aber gestern ließ auch Stoiber Kirch offiziell fallen: "Das ist Sache der Beteiligten", verkündete sein Sprecher.

Selbst wenn Stoiber wollte, er könnte Kirch nicht mehr helfen. Denn der neue Chef der Bayern-LB, Werner Schmidt, geht deutlich auf Distanz. "Wir sind keine Befehlsempfänger der Politik", betonte er. Neue Kredite wird es auch von der Landesbank wohl nicht mehr geben.

Ruppiger Umgangsstil

Jetzt geht die Angst um, Rupert Murdoch könnte über Kirch den Einstieg in den deutschen Medienmarkt schaffen. Der für seinen ruppigen Umgangsstil bekannte australische Medientycoon strebt schon lange nach Deutschland; und viele haben Angst davor, dass er den Markt so richtig aufmischt. Sogar der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen, bisher ein ausgewiesener Gegner Kirchs, springt dem Münchener deshalb plötzlich bei: "Wir wünschen uns, dass Kirch im Spiel bleibt."

Experten sind sich einig, dass Kirch Ballast abwerfen muss. So steht in jedem Fall das Milliardengrab Premiere zur Disposition. Auch die erst im vergangenen Jahr erworbenen Formel-1-Rechte dürften auf der Verkaufsliste stehen. Ob Kirch sich aber auch von der so mühsam erkämpften 40-Prozent-Beteiligung am Springer-Verlag trennen wird, ist offen. "Kirchs Traum war doch immer die Mehrheit an Springer", meint ein Kenner des Konzerns.

Die Situation ist so verworren, dass mit allen Tricks gearbeitet wird. Ein anonymer Anrufer bestellte am Dienstag unter dem Namen Murdoch eine Suite und ein Konferenzzimmer im noblen "Bayerischen Hof" in der Münchener Innenstadt. Gezielt wurde dann in den Redaktionen das Gerücht gestreut, Murdoch sei in der Stadt und wolle sich mit Kirch treffen. Die Aufregung war groß, bis der Scherz aufflog. Bei Kirch konnte darüber allerdings keiner lachen - trotz Faschingszeit.

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