Kirch hat "Junior TV" als Faustpfand
Analyse: An der Formel Eins hängt die Zukunft von EM.TV

EM.TV-Chef Thomas Haffa und Formel-Eins-Organisator Bernie Ecclestone haben sich offenbar am Wochenende in Kitzbühel getroffen, um über die gemeinsame Zukunft zu beraten. Beobachter halten diesen für den Schlüssel zur Lösung der Frage, wie es mit EM.TV weiter geht EM.TV drohen weitere Schadensersatzklagen

Reuters MÜNCHEN. Die Kitzbüheler "Streif" könnte zum Schicksalsberg für die EM.TV & Merchandising AG werden: Vor fast einem Jahr hatten sich EM.TV-Chef Thomas Haffa und Formel-Eins-Organisator Bernie Ecclestone am Rande des großen Ski-Abfahrtsspektakels zum ersten Mal getroffen. Zweieinhalb Monate später war der Einstieg des Medienunternehmens in die wichtigste Autorennsportserie der Welt perfekt. Am Samstag stand das traditionsreiche Ski-Rennen erneut auf dem Programm. Wie es in Kreisen heißt, sollen Haffa, der ein Haus in Kitzbühel hat, und Ecclestone dort wieder zusammengekommen sein, um sich über eine gemeinsame Zukunft zu unterhalten. Vorher schon drangen Einzelheiten zu dem Ringen an die Öffentlichkeit, das inzwischen um den Anteil von EM.TV an der Formel Eins entstanden ist. Beobachter halten diesen für den Schlüssel zur Lösung der Frage, wie es mit dem angeschlagenen Haffa-Unternehmen weiter geht.

Der 70 Jahre alte Brite und seine Angestellten waren schon in den Tagen zuvor begehrte Gesprächspartner für Abgesandte von EM.TV und deren Verhandlungspartner, die Kirch-Gruppe, wie es in Branchenkreisen heißt. Kirch-Geschäftsführer Dieter Hahn, der Ecclestone aus den Verhandlungen um die Pay-TV-Rechte an der Formel Eins kennt, habe sich mit ihm persönlich in London getroffen. Zugleich versuchten EM.TV-Aufsichtsratschef Nickolaus Becker und der Münchener Filmhändler Herbert Kloiber in Genf ein Paket zu schnüren, das den Einstieg des Medienkonzerns Kirch bei EM.TV verhindern könnte. Haffa selbst sind schon rechtlich die Hände gebunden. Würde er mit anderen verhandeln, würde ein Bruch der Exklusivitätsklausel mit Kirch zu offensichtlich, die EM.TV bis Ende Januar bindet. Gegen Alternativangebote könne man sich freilich nicht wehren, formuliert EM.TV dazu offiziell.

"Die Formel Eins ist der Dreh- und Angelpunkt", hieß es in den Kreisen, die mit dem Verlauf der Gespräche zwischen EM.TV und Kirch vertraut sind, schon vor Wochenfrist. Die Kirch-Gruppe interessiert sich vor allem für die Übertragungsrechte, Haffa verspricht sich viel von den Vermarktungsrechten. Deshalb hatte er schon im Herbst, als die in der Formel Eins vertretenen Autohersteller einen Anteil am Erbe von Ecclestone einforderten, Überlegungen angestellt, seine 50 % oder einen Teil davon an diese wieder zu verkaufen und nur das Merchandising-Geschäft zu behalten. Dieses wollen ihm offenbar auch Becker und Kloiber langfristig beschaffen. Bisher haben als Werbeträger freilich in der Formel Eins die Marken der Hersteller ("Ferrari") und der Fahrer (Michael Schumacher) die weitaus größere Bedeutung.

Wie beim Einstieg von EM.TV soll auch jetzt offenbar die US-Investmentbank Hellman & Friedman eine Rolle spielen, bei der und bei der Deutsche-Bank-Tochter Morgan Grenfell die 50 % zwischengeparkt waren. Die Banken hatten die Anteile mit großem Gewinn an EM.TV weiter verkauft. Der Kaufpreis von 1,65 Mrd. $ setzte sich zusammen aus 712,5 Mill. $ in bar und 12,5 Mill. Aktien von EM.TV. Die Barsumme hatte Haffa mit einem Überbrückungskredit finanziert. Nun, da die Gewinnerwartung für 2000 von 525 Mill. auf 50 Mill. DM geschrumpft ist, lasten die Bankschulden auf dem Unternehmen. 5,3 Mill. EM.TV-Aktien hatte Hellman & Friedman übrigens im Oktober verkauft, nachdem der Kurs bereits deutlich nachgegeben hatte.

Zwei Drittel der EM.TV-Anteile an der Formel-Eins-Holding SLEC soll die Bank nach Angaben aus den Kreisen Ecclestone dafür schenken, dass er auf sein Recht verzichtet, EM.TV von Mai 2001 an weitere 25 % der SLEC für knapp eine Milliarde $ zu verkaufen. Der verbleibende Rest von 17 % bleibt bei dem Investor bis zum geplanten Gang an die Börse. Dieser sollte nach Haffas ursprünglichen Plänen schon im März stattfinden, ein bei der EU laufendes Kartellverfahren hat das Vorhaben jedoch verzögert. Die Autohersteller, um die sich Kloiber und Becker nach Zeitungsberichten auch bemüht, halten sich bislang bedeckt. Ihr Sprecher, DaimlerChrysler-Vorstand Jürgen Hubbert, hatte jedoch im November in einem Interview eine Beteiligung von deutlich über 25 % an der Formel Eins angemahnt, wenn sich Ecclestone auf das Altenteil zurückzöge.

Doch die Formel Eins ist nur ein Teil des Paketes, über das EM.TV und Kirch verhandeln. An dem anderen, Kirchs Beteiligung von bis zu 16,74 % an EM.TV, dürfte sich Kloiber stoßen, der eine Einflussnahme des größten Konkurrenten auf seine Tele München Gruppe (TMG) verhindern will. EM.TV sollte zwar seine 45 % an der TMG wieder an Kloiber zurückgeben, doch wird in Finanzkreisen bezweifelt, dass der Münchener Filmhändler den dafür genannten Betrag von 600 Mill. DM flüssig hat, zumal er im Dezember eine Gewinnwarnung für die TMG angedroht hatte.

Doch Kirch hat ein Faustpfand in der Hand: die Hälfte an dem Gemeinschaftsunternehmen "Junior TV", das Kinderfernsehprogramme vermarktet. Junior TV sollte als Entgelt für die Beteiligung zur Gänze an EM.TV übergehen. Schon bisher werden die Umsätze daran EM.TV zugerechnet, das aus den Gewinnen den damaligen Kaufpreis von 500 Mill. DM abbezahlt. Branchenkenner bezweifeln, dass Kirch das Projekt überhaupt weiter führen will, wenn der Vertrag mit EM.TV platzt.

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