Kirch-Krise
Analyse: WAZ erfüllt sich Fernsehträume

Der Albtraum findet allmählich eine Ende. In dieser Woche sollen die Würfel über das insolvente Reich von Leo Kirch fallen. Der Zeitungskonzern WAZ steht mit seinen Partnern Commerzbank und Columbia Tristar - Filmtochter des japanischen Elektronikriesen Sony - bereit, die am Abgrund stehende Kirch Media zu übernehmen. Damit würde sich das fünftgrößte Medienunternehmen in Deutschland das Herzstück des einstigen Kirch-Imperiums einverleiben. Die Weichen für eine Neuordnung des deutschen Fernsehmarktes wären mit diesem Überraschungscoup gestellt.

Sollte sich die WAZ durchsetzen, würde das politische Koordinatensystem im Fernsehland massiv verschoben. Die Nähe zur Sozialdemokratie zählt bei den Zeitungsverlegern aus dem Ruhrpott zu einer festen Konstante. Auch die Beteiligungen der Kirch Media - allen voran der als konservativ geltende Fernsehkonzern Pro Sieben Sat 1 - würden die neuen Machtverhältnisse zu spüren bekommen. Schließlich kümmert sich Bundeskanzler Gerhard Schröders ehemaliger Kanzleramtsminister und Vertrauter, Bodo Hombach, im WAZ-Führungsquartett um die Fernsehaktivitäten. Schon einmal setzte sich Schröder mit Bertelsmann und der WAZ in einem Gasthof zusammen, um gemeinsam über die Konsequenzen aus dem Kirch-Desaster nachzudenken. Aus dem Traum der WAZ, Leo Kirchs Aktienpaket am Zeitungskonzern Springer zu übernehmen, wurde nichts. Der Widerstand von Mehrheitsgesellschafter Friede Springer war unüberwindbar.

Diesmal sieht die Lage anders aus. Der politische Gegenwind in Bayern bei einer Übernahme der Kirch Media wird gering ausfallen. Ein deutsches Zeitungshaus - zudem noch Nummer eins beim Nachbarn Österreich - ist Ministerpräsident Edmund Stoiber immer noch lieber als unkontrollierbare und unberechenbare Medienunternehmer vom Schlag eines Rupert Murdoch. Stoiber weiß von seinen Freunden in Österreich, dass es die WAZ versteht, sich mit regionalen Machtverhältnissen zu arrangieren.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich die WAZ nicht mit einer Minderheitsbeteiligung auf Dauer zufrieden geben wird. Die Devise lautet: Entweder gibt es die Mehrheit oder der Deal platzt. Der Printkonzern, der täglich allein im Ruhrgebiet 1,2 Millionen Zeitungen verkauft, verfügt im Vergleich zu anderen Wettbewerbern über einen Wettbewerbsvorteil: viel Geld. Die Kassen der Mediengruppe sind gut gefüllt. Reserven können zudem schnell lockergemacht werden. Dazu zählt beispielsweise die kleine, aber lukrative Beteiligung an der RTL-Group. Schon seit langem möchte Bertelsmann Europas größten Fernsehkonzern komplett übernehmen.

Mit dem Engagement bei Kirch Media unternimmt die WAZ den Versuch, sich vom internationalen Zeitungshaus zu einem breit aufgestellten Medienkonzern zu wandeln. Doch Vorsicht ist die Mutter aller Strategien bei der WAZ. Die Essener wollen für die Kirch Media nicht zu viel Geld bezahlen. Ob das insolvente Unternehmen noch zwei Milliarden Euro wert ist, überlegen sich die Investoren sehr, sehr sorgfältig. Beschlossene Sache ist das Abenteuer mit den Resten von Leo Kirch noch nicht. Schließlich ist Fernsehen ein komplexes und teures Geschäft. Das weiß die WAZ spätestens seit dem verlustreichen Abenteuerprojekt TV NRW. Zeitungsverleger haben sich schon öfters im Fernsehgeschäft eine blutige Nase geholt. Da können aus Träumen schnell Albträume werden.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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