Kirch-Krise wird für die verwöhnte Bundesliga nicht ohne Folgen bleiben
Kommentar: Der Abpfiff für die fetten Fußball-Jahre steht bevor

Der Fußball-Bundesliga hat es an Selbstbewusstsein nie gemangelt. Auch und gerade dann nicht, wenn es um wirtschaftliche Fragen und Kompetenzen ging. Spätestens als Uli Hoeneß vor zwei Jahren zum Manager des Jahres gekürt wurde, war es vor allem der FC Bayern München, der auffällig oft prahlte, ein in jeder Beziehung vorbildlicher Verein mit großem Business-Wissen zu sein. Als "eines der profitabelsten Unternehmen Deutschlands" pries Hoeneß den nationalen Marktführer noch in der vergangenen Woche.

Mag alles sein. Doch das Verhalten der Bundesliga-Verantwortlichen im Zusammenhang mit der Kirch-Krise lässt Zweifel aufkommen, ob diese Branche im seit Jahren ansteigenden Meer der Millionen noch den Blick für die Wirklichkeit bewahrt hat. Wenn der Bezahlsender Premiere World - und damit der größte Finanzier der Liga - ums Überleben kämpft, wenn die Verhandlungspartner schon bald Murdoch oder Berlusconi statt Kirch heißen könnten, dann sollte man mehr als ein läppisches Pfeifen im Walde erwarten dürfen. "Hundertprozentig", so Hoeneß vor wenigen Tagen, "werden sich die Kirch-Probleme in Wohlgefallen auflösen". Blauäugig darf man das wohl nennen.

Mehr als die Hälfte des bis 2004 laufenden Fernsehvertrages, dotiert mit 1,54 Milliarden Euro, wurde bislang von Premiere bestritten. Dass die künftigen Kirch-Eigner die Chance nutzen werden, auch hier Einsparungen vorzunehmen, liegt auf der Hand. Das Produkt Fußball und alle, die es vermarkten, werden sich daran gewöhnen müssen, dass Steigerungsraten unwahrscheinlicher werden. Die finanziellen Steilpässe, zu denen man Vertragspartner Kirch animiert hatte, wird man kaum wiederholen können. Zum Leidwesen der ligaeigenen "Höher, schneller, teurer"-Fraktion mit Bayern, Dortmund und Leverkusen an der Spitze.

Der Unwillen der Bundesliga, sich abzeichnende Veränderungen im Finanzierungsgeflecht zu akzeptieren, spricht nicht für ihren Realitätssinn. Ein Gehaltsverzicht der Profis, der bereits ins Spiel gebracht wurde, zeugt nur von der Ratlosigkeit der Vereine. Sie waren nicht darauf vorbereitet, dass der vermeintliche Mogul aus München, der Mann, der für den scheinbar unbegrenzten Fluss der Millionen sorgte, zum Insolvenzkandidaten wurde. Leo war ihr König, ihr Held, der die nächste Runde bestellt. Jetzt aber wandelt sich die Szenerie, an der Theke bleiben ziemlich erstaunte Gesichter zurück.

Natürlich wird ein Klub wie der FC Bayern die Kirch-bedingten Ausfälle schadlos überstehen, wie überhaupt die Großen der Branche die wenigsten Probleme haben werden. Und doch könnte der Fall des gestürzten Medienzaren eine Wende im deutschen und europäischen Profifußball markieren. Der Abpfiff für die Völlerei ist nicht mehr fern, sie wird von einer Saison der neuen Bescheidenheit abgelöst.

Dieser Wandel mag von überschaubarer Dauer sein. Dennoch ist er ein Rückschlag für all jene, die an die Zukunft börsennotierter Fußballklubs glaubten. Hier zu Lande quält sich nur Borussia Dortmund mehr schlecht als recht über das Parkett - an diesem Alleingang wird sich so schnell nichts ändern. Übrigens nicht nur wegen der schwierigen Marktlage, sondern weil den meisten Protagonisten die Reife fehlt. Mit einem Manager des Jahres, großem Selbstbewusstsein und bloßem Gottvertrauen allein ist es nicht getan.

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