Kirch-Pleite kratzt am Image von Konzernchef Reischl – Genossen bleiben gelassen
Ausflüge in fast unbekanntes Terrain machen Rewe zu schaffen

Seit 75 Jahren gibt es den als Einkaufsgenossenschaft gegründeten Handelskonzern Rewe. Vergleichsweise jung ist das Engagement von Europas fünftgrößtem Einzelhändler im TV- und Tourismusgeschäft. Spätestens seit der Kirch-Pleite zeigt sich, wie riskant ein solches Engagement sein kann.

rv DÜSSELDORF. 2002 ist für die Kölner Rewe-Gruppe ein Jubiläumsjahr, doch Konzernchef Hans Reischl hat nicht nur Grund zum Feiern. Denn im Jubeljahr - vor 75 Jahren wurde der Handelsgigant als "Revisionsverband der Westkauf-Genossen" (kurz: Rewe) gegründet - fallen Schatten gerade auf die Bereiche, die der Handelskonzern angesichts des schleppenden Kerngeschäfts als Zukunftsmärkte angesehen hatte: Medien und Tourismus.

Der Ausflug in den Wachstumsmarkt "Medien" ist in der Sackgasse geendet. Anfang 1996 beteiligte sich Rewe mit 40 % an den Stammaktien der Pro Sieben Television AG, die bis dahin von Leo Kirch kontrolliert wurde. Über den Kaufpreis hüllt sich Rewe in Schweigen. Unter Handelsexperten wird eine Summe von etwa 40 Mill. Euro genannt, die Reischl in das Projekt "Fernsehen" investierte. Mit diesem Engagement wurde Rewe größter Einzelaktionär des Senders.

Reischl, der 1970 bei der ehemaligen Genossenschaft anheuerte und inzwischen den mit 37,5 Mrd. Euro Umsatz fünftgrößten europäischen Handelskonzern beherrscht, verstand das Engagement als "die konsequente Fortsetzung der Rewe-Strategie, in zukunftsträchtige Märkte zu investieren". In der TV-Beteiligung sah er "Chancen, über den stationären Handel hinaus zu denken und neue Formen des Vertriebs von Waren und Dienstleistungen auf elektronischem Weg zu entwickeln". Soweit die Vision, die Realität war etwas komplizierter.

Als Pro Sieben im Sommer 2000 mit den Kirch-Sendern Sat 1, Kanal 1 sowie N 24 zur Pro Sieben Sat 1 Media verschmolzen wurde, erhielt Reischl als Ausgleich 5,71 % an der Kirch Media AG, der Kerngesellschaft des Kirch-Konzerns. Das aber erwies sich als Fehler: Während die Pro-Sieben-Aktie noch etwas wert ist, muss Reischl seine Beteiligung an Kirch Media abschreiben - in der vergangenen Woche hat die Gesellschaft Insolvenz angemeldet.

Reischl ahnte offenbar, was auf ihn zukommt. Als sich die Krise bei Kirch Anfang des Jahres zuspitzte, betonte er zwar, er werde seinen Freund Leo Kirch nicht im Stich lassen. Doch machte er keine Anstalten, Geld nachzuschießen, als der Medienmogul kurzfristig geschätzte 800 Mill Euro brauchte. Reischl, der öffentlich gern das hohe Lied der sparsamen Genossen singt, schreckte vor unkalkulierbaren Risiken zurück.

Wenigstens bilanziell hat Rewe sein Medienabenteuer offenbar verdaut. Denn laut Finanzchef Gerd Bruse schreibt der Konzern seine Kirch-Beteiligung noch in der Bilanz 2001 weitgehend ab. Dann steht der "Wachstumsmarkt früherer Jahre" noch mit einem Euro in den Büchern der "vorsichtigen Kaufleute" zu Köln. So dürfte Kirch Media für Reischl nicht zum finanziellen Abenteuer geworden sein, doch das Image des gebürtigen Niederbayern ist angekratzt.

Auch in seinem zweiten handelsfremden Geschäftsfeld - dem Tourismus - schlummern Risiken. Seine jüngste Akquisition, die Touristiktöchter um die Ferienfluggesellschaft LTU, haben ihn schon mehr Geld gekostet, als er investieren wollte. Als Retter in der Not war Reischl im Vorjahr bei den Düsseldorfern eingestiegen, nachdem die Mutter Swissair in Schwierigkeiten geraten war. Die Reiseveranstalter-Marken (wie Tjaereborg und Jahn Reisen) übernahm er komplett, an der chronisch defizitären Airline LTU musste er eine 40 %-Beteiligung kaufen. Mit 4,7 Mrd. Euro Umsatz wurde Reischl damit schlagartig drittgrößter Reiseveranstalter hinter TUI und Thomas Cook. Doch als die LTU im vergangenen Herbst plötzlich vor dem Konkurs stand, musste der Rewe-Boss erneut 50 Mill. Euro zuschießen - obwohl er mehrfach erklärt hatte, eigentlich will er, der Lebensmittelhändler, sich keine Fluggesellschaft ans Bein binden. Ob sich die Investition lohnt, hängt davon ab, ob es gelingt, die schwer angeschlagene Airline in den nächsten ein bis zwei Jahren zu sanieren. Zwar kann sich Rewe auf gutem Weg sehen, doch hat sich der Tourismus noch nicht wieder von den Folgen des 11. September erholt.

Reischls Ausflüge auf fremdes Terrain beunruhigen Anteilseigner der Kölner Rewe-Zentrale bislang nicht. Die Geschäfte hätten der Gruppe keinen größeren Schaden gebracht, urteilt Hainer Paas, Vorstandssprecher von Rewe Dortmund: "Das sind Beteiligungen, die günstig eingekauft worden sind."

Quelle: Handelsblatt

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