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Kirchen stellen sich gegen Stammzellen-Import

Zwei Tage vor der Bundestagsentscheidung forderten die beiden großen christlichen Kirchen die Abgeordneten auf, gegen eine Import-Erlaubnis von Stammzellen zu stimmen.

ap BERLIN. Die großen christlichen Kirchen haben den Bundestag zu einer Gewissensentscheidung gegen den Import und die Erforschung embryonaler Stammzellen aufgefordert. "Man darf nicht heilen durch Töten", sagte Kardinal Joachim Meisner am Montag, zwei Tage vor dem Parlamentsvotum. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, forderte den uneingeschränkten Schutz menschlichen Lebens. Auch der Ärzteverband Marburger Bund schlug sich auf die Seite der Gegner. Der Bundestag will am Mittwoch entscheiden, ob Stammzellen, die aus menschlichen Embryonen im Anfangsstadium gewonnen wurden, zur Erforschung neuer Heilungsmethoden nach Deutschland importiert werden dürfen. Zur Abstimmung stehen verschiedene Anträge, die einen Import gar nicht, unter scharfen Auflagen oder unbeschränkt zulassen würden. Für das Votum gibt es keine Vorgaben der Fraktionen. Der Ausgang gilt als offen. Kardinal Meisner bekräftigte seinen Appell für ein striktes Nein zu Import und Forschung. "Mit dieser so genannten Ethik des Heilens verschleiert man nur eine neue Form der Barbarei", sagte der Kölner Erzbischof. Die Heilungsversprechen seien nur vage Hoffnungen. Wissenschaftler halten es für möglich, dass über die Forschung an embryonalen Stammzellen Heilungschancen für Alzheimer, Multiple Sklerose oder Krebs entwickelt werden könnten. Aus den Stammzellen differenzieren sich beim Embryo binnen weniger Tage rund 200 verschiedene Zellarten. Die Hoffnung ist, zum Beispiel Nervenzellen im Labor zu züchten und damit krankes Gewebe zu ersetzen. EKD-Ratsvorsitzender Kock erklärte vor einem Bioethik-Kongress in Berlin, die Würde menschlichen Lebens verbiete es, es bloß als Material und Mittel zu anderen Zwecken zu nutzen. Erst recht dürfe es nicht nur dafür erzeugt werden. Die Bundestagsentscheidung habe "weichenstellende Bedeutung" für den Umgang mit menschlichen Embryonen. Die EKD wolle "die Gewissen schärfen". Der Marburger Bund gab zu bedenken, dass die Heilungschancen durch Stammzellenforschung "vollkommen ungewiss" seien. "Wenn wir die Forschung auf diesem Gebiet erst einmal erlauben, werden Wissenschaftler Argumente auch für das Klonen finden", warnten die Vorsitzenden der Klinikärzteorganisation, Frank Ulrich Montgomery und Rudolf Henke. Ablehnend äußerten sich auch das kirchennahe Kolpingwerk, der Behindertenverband Interessensvertretung Selbstbestimmt Leben und der Sozialverband VdK. Der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle, dessen Forschungsantrag die Debatte mit ausgelöst hatte, zeigte sich optimistisch. Seiner Ansicht nach gehe es bei der Stammzellenforschung nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wann, sagte Brüstle der "Welt"

Zwtl: Grüne für "ethisch-moralische Grenze"

Grünen-Chefin Claudia Roth kündigte an, eine große Mehrheit ihrer Fraktion werde für strikte Ablehnung des Stammzellenimports stimmen. Ein kleinerer Teil werde ihn mit strengen Auflagen akzeptieren. Bei den Grünen herrsche generell die Auffassung, dass die Entscheidung nicht vom blinden Fortschrittsglauben getragen werden dürfe. "Es muss ethisch-moralische Grenzen geben", betonte Roth. Die FDP bekräftigte ihre Position zu Gunsten des Imports. Generalsekretärin Cornelia Pieper sagte, es gehe darum, verantwortliche Forschung zu ermöglichen.

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