Klagen der Unternehmen verhallten jahrelang ungehört
Unternehmen schließen Bildungslücken der Lehrlinge selbst

"Auf Noten können wir uns nicht verlassen", berichtet Reinald Baumhauer, Personalentwickler bei Karstadt München. Selbst Schüler mit einer Drei in Deutsch und Mathe im Abgangszeugnis hätten oft "totale Lücken", klagt der Ausbildungschef. Manche könnten beim Einstellungstest banalste Fragen wie "ein Kunde kauft eine Ware für 19,99 Euro, bezahlt mit einem 50-Euro-Schein, wie viel bekommt er zurück?", nicht ohne Rechner beantworten. Im Prozentrechnen lieferten selbst Abiturienten "ganz schräge Ergebnisse".

So oder so ähnlich tönt es landauf landab aus der Wirtschaft. Eine repräsentative Umfrage der Handwerkskammer Düsseldorf unter ihren Mitgliedern ergab, dass fast 40 Prozent der Bewerber nicht das nötige Rüstzeug mitbrachten.

Die Ergebnisse der Pisa-Studie waren daher "für uns keine Überraschung", sagt Stefan Küpper, Leiter der Abteilung Bildung bei der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Seit Jahren klagen Unternehmen über die schlechte Schulbildung - "vor Pisa hat man das als unberechtigte Klage abgetan", so Küpper.

Nun wurden die mahnenden Manager auf traurige Art bestätigt, Bildung ist zum Wahlkampf-Thema geworden. Damit auch die heute 15jährigen in den letzten Schuljahren noch aufholen können, "bevor die Unternehmen mit ihnen zu tun bekommen", fordert das Kuratorium der deutschen Wirtschaft für Berufsbildung (KWB) kurzfristige Maßnahmen von den Kultusministern, berichtet KWB-Vorstandsmitglied Barbara Dorn.

Wirtschaft erwartet keine schnelle Besserung in den Schulen

Schnelle Besserung sei gleichwohl nicht zu erwarten, ist der Leiter der Abteilung Berufliche Bildung beim Zentralverband des deutschen Handwerks (ZdH), Karl Spelberg, überzeugt. Denn zuerst müsse die Ausbildung der Lehrer grundlegend reformiert werden.

Die Erkenntnisse des Chemiekonzerns BASF sprechen dafür, dass die Lage nicht nur schlecht, sondern in den letzten Jahren immer schlechter geworden ist: Seit 25 Jahren testet die Ludwigshafener Haupt- und Realschüler, die sich um einen Lehrstelle bemühen. Das Ergebnis ist katastrophal, das Wissen der Schüler hat kontinuierlich nachgelassen: 1975 konnten die Hauptschüler wenigstens noch jede zweite der Rechtschreibaufgaben richtig beantworten, 2001 nur noch jede dritte. Dabei wollte BASF lediglich wissen, ob zum Beispiel "Rezept, Quahl oder Pulfer" korrekt geschrieben seien und wie es gegebenenfalls richtig heißen muss.

Bei den Grundrechenarten wurden 1975 noch drei Viertel der Fragen richtig beantwortet - heute sind es bei Hauptschülern noch jede zweite, bei Realschülern knapp 60 %. Berücksichtigt wurden nur solche Schüler, die ihre gesamte Schulzeit an einer deutschen Schule verbracht haben.

Nachhilfeunterricht für Azubis

Weil ihre Klage in den vergangenen Jahren ungehört verhallte, haben vor allem Großunternehmen längst zur Selbsthilfe gegriffen. So besucht etwa von den 125 Azubis, die Henkel 2001 eingestellt hat, jeder zweite drei Monate lang samstags einen vierstündigen Nachhilfeunterricht in Mathematik. Künftige Laboranten, Kaufleute und Chemikanten machen freiwillig mit: "Ihre Lücken sind ihnen peinlich, sie sind froh, dass sie sie ohne Gesichtsverlust schließen können", sagt Franz Klüter, Leiter der kaufmännischen Ausbildung bei Henkel. Auch Kaufhof organisiert betriebsinternen Nachhilfe-Unterricht in Rechnen, Schreiben von Angeboten und Bestellungen.

Kleine Unternehmen und Handwerker können sich das nicht leisten. Hier hilft das Arbeitsamt mit "ausbildungsbegleitenden Hilfen", die Mängel der Schulausbildung wenigstens im Nachhinein etwas auszugleichen: Parallel zur Berufsschule können Lehrlinge drei bis acht Stunden Förderunterricht pro Woche erhalten, inklusive sozialpädagogischer Betreuung.

Auch Karstadt München schickt von 400 Lehrlingen rund 20 zur Amts-Nachhilfe. Ursprünglich war diese nur für Benachteiligte gedacht. Heute kommt sie bundesweit fast 74 000 Berufsanfängern zu Gute - rund jedem zehnten Lehrling.

Die vielfältigen Formen der privaten und staatlichen Nachbesserung werden noch viele Jahre nötig bleiben. Zunächst gibt sich die Wirtschaft mit dem Sinneswandel der Bildungspolitiker zufrieden. Noch Ende der 90er hatte etwa die rheinland-pfälzische Kultusministerin Rose Götte den Mitgliedern des Berufsbildungs-Kuratorium kaltschnäuzig vorgehalten, die Wirtschaft habe eben "die Jugendlichen abzunehmen, die die Schule liefere", erinnert sich Spelberg vom ZDH. "Das würde sich ein Kultusminister heute nicht mehr wagen."

Quelle: Handelsblatt

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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