Klagen gegen Unternehmen sind in den USA an der Tagesordnung
Wie Kopfgeldjäger

Mit Klagen gegen Unternehmen erstreiten sich Aktionäre in den USA Milliardenbeträge. In Ausnahmefällen können auch deutsche Anleger profitieren.
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NEW YORK. Wenn William Lerach an die Tür eines Unternehmens klopft, treibt er den Managern den Schweiß auf die Stirn. Am liebsten inszeniert der Anwalt solche Auftritte vor laufenden Fernsehkameras. Mitte Januar trug er demonstrativ eine Schachtel zerstörter Dokumente in einen Gerichtssaal in Houston. Dann präsentierte er sich vor der steil abstürzenden Aktienkurve des Energiehändlers Enron, gespickt mit vermutlichen Falschaussagen der Konzernverantwortlichen. Die 503-seitige Klageschrift, die der wohl gefürchtetste Anwalt Amerikas im Auftrag angesehener Enron-Aktionäre - darunter die University of California - einreichte, beginnt dramatisch: "Lügen. Arroganz. Betrug."

Davon gibt es an der Wall Street nicht nur nach Ansicht von Anwälten wie Lerach derzeit mehr als genug. Die Bilanz der vergangenen Woche: Die US-Börsenaufsicht SEC bestrafte Xerox mit der Rekordsumme von zehn Millionen Dollar. Das Unternehmen wies nach Ansicht der Aufseher zwischen 1997 und 2000 mehr als drei Milliarden Dollar an Umsätzen und 1,5 Milliarden Dollar an Vorsteuergewinnen zu viel aus.

Nach zehnmonatiger Untersuchung glaubt der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer beweisen zu können, dass die Investmentbank Merrill Lynch ihre Kunden mit viel zu optimistischen Einschätzungen wissentlich über Internetaktien getäuscht habe, vor allem um an das Investmentgeschäft mit den Unternehmen zu kommen. Spitzer präsentierte Beweise: In internen E-Mails charakterisierten Staranalyst Henry Blodget und sein Team Unternehmen, die sie zum Kauf empfahlen, mit Begriffen wie "Pulverfass" und "Stück Mist".

"Ein schockierender Vertrauensbruch", für den der Generalstaatsanwalt Merrill Lynch mit einer Strafe von bis zu 100 Millionen Dollar droht. Bis Ende dieser Woche hat das größte Brokerhaus der Welt Zeit, sich mit Spitzer außergerichtlich zu einigen. John Coffee, Finanzexperte an der Columbia University, ist sich sicher, dass dann "Aktionärsklagen folgen". Die von Spitzer gesammelten Beweise - 100 000 Seiten Dokumente - könnten Grundlage für Schadensersatzklagen von Aktionären sein, glaubt Samuel Rudman, Partner der Kanzlei Milberg, Weiss, Bershad, Hynes & Lerach.

Noch nie zogen so viele Anteilseigner mit Gruppenklagen vor Gericht, um das Management von Unternehmen für Kursverluste zur Rechenschaft zu ziehen. Die Kanzlei Milberg Weiss steht an der Sitze der Klageflut: Ihre Anwälte sind an mehr als der Hälfte aller Aktionärsklagen in den USA beteiligt, in spektakulären Fällen wie Enron oft in führender Rolle - und mit Erfolg: Allein die Milberg-Weiss-Anwälte erstritten mehr als 20 Milliarden Dollar für Aktionäre.

Für die einen sind sie Erpresser in Armani-Anzügen, die das sensible Gleichgewicht der Kapitalmärkte in Gefahr bringen. Für die andern repräsentieren sie moderne Robin Hoods, die jedem auch noch so kleinen Aktionär zu seinem Recht gegen selbstherrliche Unternehmensbosse verhelfen.

Auf jeden Fall sind sie allgegenwärtig. Obwohl die Reform des Rechtssystems in den USA 1995 Sammelklagen gegen Unternehmen etwa wegen verpatzter Quartalsergebnisse erschwert hat, wurden seither 1 477 Unternehmen von ihren Aktionären verklagt. Allein im vergangenen Jahr explodierte die Zahl auf 478 - eine Folge des seit April 2000 anhaltenden Bärenmarktes. "Oft werden Klagen schon ein oder zwei Tage eingereicht, nachdem der Aktienkurs einbricht", sagt John Gould, Spezialist für Aktionärsklagen bei Cornerstone Research.

Die Consultingfirma berät Unternehmen, die vom Zorn ihrer Aktionäre heimgesucht werden. Ausgehend von historischen Vergleichen, versucht Cornerstone abzuschätzen, mit welchen Schadenssummen ein Unternehmen rechnen muss. Doch immer öfter versagen die Modelle der Consultants: "Bei Klagen wegen Neuemissionen fehlen uns die Anhaltswerte", sagt Cornerstone-Expertin Laura Simmons.

Als erste Investmentbank nach einem zwielichtigen Börsengang einigte sich Crédit Suisse First Boston (CSFB) Ende Januar mit der Börsenaufsicht und der National Association of Securities Dealers (NASD) auf eine Strafe von 100 Millionen Dollar. Die Untersuchung gegen andere große Namen der Wall Street läuft noch. Hintergrund: CSFB sicherte einigen institutionellen Anlegern Zuteilungen heißer Neuemissionen zu und teilte sich anschließend die Gewinne aus dem schnellen Verkauf der Aktien in Form von unverhältnismäßig hohen Kommissionen. Obwohl unzählige Privatanleger indirekt Opfer dieses künstlichen Marktes waren, erhalten sie keinen Cent aus dem CSFB-Vergleich. Ein Großteil davon wandert in die Kasse von Finanzminister Paul O'Neill. Anlegern bleibt folglich nur der Gang vor Gericht. Mehr als 100 anhängige Sammelklagen gegen Unternehmen richten sich derzeit ausschließlich gegen die Praktiken bei Neuemissionen.

Klagen sind für Anleger jedoch oft nur ein Trostpflaster. Zwar nimmt die Zahl der millionenschweren Vergleiche zu. Alleine das Serviceunternehmen Cendant zahlte gut 3,5 Milliarden Dollar dafür, dass bei der ehemaligen Tochter CUC International 100 Millionen Dollar zu viel Profit ausgewiesen und der Kurs der Aktie dadurch künstlich aufgebläht wurde. Doch der Schein trügt. "Anleger erstreiten normalerweise allenfalls 10 bis 15 Cent Schadensersatz für jeden Dollar Verlust", sagt Columbia-University-Experte Coffee.

Je nachdem, gegen welches Unternehmen sich welche Vorwürfe richten, bestehen ernorme Unterschiede. "Die Vergleichssummen sind deutlich höher, wenn es um Ungereimtheiten in der Bilanzierung geht, und steigen am höchsten, wenn ein Wirtschaftsprüfer oder eine Emissionsbank mit zur Rechenschaft gezogen wird", sagt Cornerstone-Expertin Simmons. Anfang April weitete Anwalt Lerach die stellvertretende Klage der University of California, die mit ihrem Enron-Investment 145 Millionen Dollar versenkte, deutlich aus: neben dem Unternehmen, seinen Managern, dem Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen und 24 seiner Partner geht es jetzt auch gegen zwei Anwaltskanzleien und neun Investmentbanken, inklusive der Deutschen Bank.

Weit weniger lukrativ für Aktionäre sind Fälle, in denen Bilanzierungsfragen keine Rolle spielen. Dazu gehören vermeintliche Falschaussagen von Managern - wie im Fall der gerade abgewiesenen Sammelklage ehemaliger Aktionäre gegen DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp wegen dessen Versprechen, Chrysler werde nach der Fusion gleichberechtigter Partner der Stuttgarter.

Gleichberechtigt sind auch die Aktionäre nicht, falls eine Sammelklage Erfolg hat. In der Regel gilt: Nur wer Amerikaner ist oder die Aktien zumindest an einer US-Börse gekauft hat - etwa über einen deutschen Discountbroker - kommt zum Zug. Anleger können sich auf den Web-Seiten von Kanzleien wie Milberg Weiss (www.milberg.com) in E-Mail-Listen für regelmäßige Infos zu einzelnen Fällen eintragen. Wirklich aktiv werden müssen sie erst, wenn es um die Ausschüttung der erstrittenen Gelder geht.

Zuerst kommen allerdings die Anwälte dran. Sie kassieren oft bis zu 30 Prozent. In Fällen wie Enron können das dreistellige Millionenbeträge sein. Das ist ein Grund, warum Leute wie William Lerach in Unternehmenskreisen das Image eines Blutsaugers haben. John Coffee von der Columbia University schätzt sie dennoch: "Die Anwälte für Aktionärssammelklagen dienen als private Gesetzeshüter, wie Kopfgeldjäger."

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