„Klasse statt Masse“
Fallstrick Besucherzahlen - einst gefeiert, nun Nebensache

Vor zwei Jahren noch feierte die Deutsche Messe AG mit ihren Schlachtschiff CeBIT ungelaubliche Rekorde: Knapp 840 000 Besucher strömten in den CeBIT-Tagen nach Hannover. Stadtbahnen, Züge und Parkplätze quollen über. Die Masse Mensch war kaum noch zu steuern.

HB/dpa HANNOVER. Diese Zahl - keine andere Messe der Welt hatte je so viele Besucher - galt damals als entscheidendes Kennzeichen für den Erfolg der CeBIT und der boomenden Informationstechnologie (IT). Zur CeBIT 2003 kamen nur 560 000 Gäste - und angeblich stört es niemanden. Mit stereotypen Aussagen wollen sich Deutsche Messe AG, der Branchenverband Bitkom und auch viele Aussteller aus dem Fallstrick Besucherzahlen befreien.

"Es ist uns völlig egal ob 400 000 oder 500 000 Besucher kommen, wir wollen hier Geschäfte machen", sagte Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder zum Abschluss der CeBIT 2003 am Mittwoch. Entscheidend sei, dass die richtigen Besucher nach Hannover gekommen seien. Die Branche müsse sich grundsätzlich überlegen, ob in der Vergangenheit nicht eine falsche Messlatte für die Beurteilung des Erfolges angelegt worden sei. "Klasse statt Masse ist das Fazit der CeBIT 2003."

Auch Messe-Vorstand Ernst Raue betonte: "Die Zeit der Shows ist vorbei, es wurden Geschäfte gemacht." 57 % der Besucher hätten bei Befragungen gesagt, sie bräuchten keine andere Messe als die CeBIT in Hannover, um sich einen Überblick über den weltweiten IT- Markt zu verschaffen. Angesichts der in Deutschland stagnierenden Branche und des drohenden Irak-Kriegs habe die Veranstaltung ihre Position als weltweit wichtigste Messe ausgebaut. Andere Messen in Amerika oder München hätten deutlich mehr Federn lassen müssen, meinte Raue - und macht dies vor allem an noch stärker gesunkenen Besucherzahlen fest.

Bei der CeBIT 2003 scheint die Strategie der Aussteller aufgegangen zu sein. Vor einigen Jahren hatten sie sich massiv bei den Veranstaltern beschwert, dass zu viele Messe-Touristen zur High- Tech-Show kamen und nur bunte Prospekte, Kugelschreiber und verschenkte Software abstauben wollten. Die Geschäftsleute, die einen kostspieligen Auftritt auf einer Messe erst rechtfertigen, kamen nicht mehr an die Stände. Darauf hin wurden die Eintrittspreise drastisch auf 35 ? in diesem Jahr nach oben geschraubt.

Wohl auch deshalb ziehen die meisten Firmen eine positive CeBIT- Bilanz - etwa der mittelständische Softwarehersteller SoftEngine aus dem süddeutschen Hauenstein. Die CeBIT 2003 sei die erfolgreichste Messe der Firmengeschichte. "Wir hatten noch nie so viele qualifizierte Besucher am Stand, die nach konkreten Geschäften suchen", sagte Geschäftsführer Matthias Neumer. "Wir haben auf der CeBIT so viel Partnergeschäft angebahnt wie sonst innerhalb von zwei Monaten."

Auch der Firma Wilken, Softwareproduzent aus Ulm, geht es so. "Für ein mittelständisches Unternehmen mit knapp 200 Mitarbeitern ist ein CeBIT-Messeauftritt eine große Investition", meinte Geschäftsführer Andreas Lied. "Umso mehr freuen wir uns über die Geschäftsabschlüsse und rund 20 % mehr Kontakte am Stand." Und auch die Großen, die etwa mit ihren Handys vor allem auf den Massenmarkt blicken müssen, stören die niedrigeren Besucherzahlen nicht. So meinte Telekom - Sprecher Rüdiger Gräve: "Die Besucher waren interessierter und haben sich intensiver mit den Produkten auseinander gesetzt."

Wirklich glücklich ist trotz der Zufriedenheit der Aussteller die Deutsche Messe AG nicht. Durch den diesjährigen Besucherschwund fehlen rund vier Mill. ? allein an Eintrittsgeldern in der Messe- Kasse. Hinzu kommen noch geringere Einnahmen wegen des knapp 20- prozentigen Ausstellerrückgangs im Vergleich zu 2002.

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