Klassiker
Wilhelm Tell für Sammler

Autoren entdecken neue Facetten des Schweizer Gründungsmythos

"Mich würde es", schreibt Friedrich Schiller 1803 an seinen Verleger Johann Friedrich Cotta, "bei meinem jetzigen Geschäft sehr fördern, wenn ich auch die Alpen und Alpenhirten in der Nähe gesehen hätte." Der Wunsch des Dichters geht nicht in Erfüllung. Schiller selbst hat es bis zu seinem Tod zwei Jahre später nie bis in die Schweiz geschafft.

Dennoch zählt der "Sänger des Tells", wie es auf einem Gedenkstein inmitten des Vierwaldstättersees heißt, zur patriotischen Grundausstattung der Eidgenossen. In diesem Sommer, in dem sich die Uraufführung des Dramas um den einsamen Armbrustschützen zum 200. Mal jährt, erreichen die Huldigungen einen neuen Höhepunkt. Das Weimarer Nationaltheater zeigt noch bis zum 28. August das Stück auf dem geheiligten Ort der Schweizer. Da, wo sie sich - laut Schiller - zu einem "einig Volk von Brüdern" verschworen haben: auf der Rütli-Wiese.

So, wie die drei Urkantone von damals ein erfolgreiches Bündnis eingegangen sind, hat das Ereignis drei Verlage motiviert, auf den Wogen der Tell-Verehrung mitzusegeln. Vorne weg der Reclam-Verlag, dessen Universal-Bibliothek den "Tell" seit 1867 als Nummer zwölf in ihrer gelben Reihe führt. Generationen von Schülern haben darin gekritzelt - so viele, dass Schillers Drama mit zehn Millionen Lesern die Liste der Bestseller unter den 2500 Titeln der Universal-Bibliothek anführt.

Der "Tell" rangiert noch vor der offiziellen Nummer eins der Reihe: Goethes "Faust". Es ließe sich also zu Recht von einer gewissen Quersubventionierung Goethes durch Schiller sprechen, von einer Hilfestellung des Freiheitskämpfers Tell für den Gotteszweifler Faust. Schiller, sonst die ewige Nummer zwei im deutschen Dichterolymp, erfährt damit eine verspätete Genugtuung.

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