Klaus Esser
Der Kampf seines Lebens

Die E-Mail, die den Mannesmann-Topmanager Kurt Kinzius am späten Nachmittag des 31. Januar 2000 erreichte, war knapp, aber brisant: "Soll ich den Chef von Whisky anrufen, um ein freundschaftliches Signal zu senden?" Die Frage kam von ganz oben - Klaus Esser persönlich hatte die Mail an den obersten Konzern-Koordinator im Kampf gegen Übernahmen geschrieben. Und sie machte deutlich: Der Vorstandschef von Mannesmann war nervös. Er stand kurz davor, den Kampf seines Lebens zu verlieren, die Übernahmeschlacht gegen den britischen Mobilfunkkonzern Vodafone.

DÜSSELDORF. Zweieinhalb Monate tobte die Auseinandersetzung zu diesem Zeitpunkt. Inzwischen war die Lage so verfahren, dass Esser ernsthaft über die Idee mit dem Tarnnamen "Whisky" nachdachte: Die Übernahme von Mannesmann durch den US-Konzern Worldcom, der gute zwei Jahre später wegen dramatischer Bilanzfälschungen in sich zusammenbrach.

Doch damals schien Worldcom stark, attraktiv und für Mannesmann möglicherweise ein rettender Strohhalm, auch wenn es damals die schlechteste aller Alternativen war. Worldcom-Chef Bernie Ebbers hatte einige Wochen vor Essers E-Mail bei ihm angerufen. Die Botschaft des Amerikaners: Wenn ihr Lust auf Zusammenarbeit habt, wir sind bereit.

Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: Drei Tage später empfahl der Mannesmann-Vorstand den Aktionären, das Übernahmeangebot Vodafones anzunehmen. Spätabends, gegen 23 Uhr, schüttelte ein müde lächelnder Esser dem strahlenden Vodafone-Chef Chris Gent in der Düsseldorfer Mannesmann-Zentrale die Hand. Blitzlichtgewitter, die Fernsehsender berichteten live. Die Zustimmung durch den Aufsichtsrat war nur Formsache.

Esser hatte verloren. Ein Konzern, der wie kein anderer den erfolgreichen Wandel vom traditionsreichen Stahlproduzenten zum modernen Technologiekonzern geschafft hatte, war Geschichte. Aber der Konzernchef fiel finanziell weich: Er bekam im Zuge der Übernahme etwa 30 Millionen Euro an Prämien und Abfindungen. Auch andere profitierten. Insgesamt flossen 125 Millionen Euro. Längst in den Ruhestand verabschiedete Vorstände wurden bedacht - und sogar Witwen ehemaliger Konzernspitzen.

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wirft Klaus Esser vor allem Untreue vor. Mitangeklagt sind unter anderem der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel und der damalige Mannesmann-Aufsichtsratschef Joachim Funk. Sie hätten die Zahlungen an Esser und die anderen Top-Manager als Mitglieder des Aufsichtsratsausschusses für Vorstandsangelegenheiten abgesegnet - obwohl sie "deren Rechtswidrigkeit erkannt hatten", wie die Ermittler der Öffentlichkeit kundtaten.

Im Juli 2002 holte Esser zum Gegenschlag aus: Er verklagte das Land Nordrhein-Westfalen wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte. Und er hat, teilweise, Recht bekommen: Am vergangenen Mittwoch billigte das Landgericht Düsseldorf Esser wegen der amtlichen Medienkampagne 10 000 Euro Schadensersatz zu (siehe nebenstehenden Text). Doch das Strafverfahren gegen Esser läuft weiter. Frühestens im Sommer will das Gericht entscheiden, ob es die Anklage zulässt oder nicht.

Die Staatsanwälte erheben schwere Vorwürfe gegen die verdächtige Prominenz. Minutiös listen sie in ihrer 460 Seiten dicken Anklageschrift auf, wie nach der Entscheidung die Abfindungs- und Prämienpakete geschnürt wurden und wie sie abgesegnet wurden. Detailliert schildern sie die Wochen vor dem Kapitulations-Handschlag im Foyer der Mannesmann-Zentrale. Die Ermittler zeichnen das Bild eines Konzernchefs, der sich Vodafone zwar bis zuletzt entgegenstellte - aber gleichzeitig schon frühzeitig für sich und seine Getreuen vorsorgte: Schon wenige Tage nach dem Übernahmeangebot der Briten Mitte November 1999 soll Esser jede Menge Ideen für Boni entwickelt haben. Sein Ziel, so die Staatsanwaltschaft: Wie immer der Übernahmekampf ausgeht, Esser und seine Kollegen sollten als reiche Leute daraus hervorgehen.

Als wichtigen Beleg werten die Ermittler ein Versprechen vom 16. Januar 2000. An diesem Tag sagte das Präsidium des Aufsichtsrats Esser und vier weiteren Top-Managern einen "Share Price Bonus" zu, falls der Abwehrkampf gegen Vodafone für Mannesmann erfolgreich endet. Esser sollte Aktien im Wert von drei Millionen, die anderen von einer Million Euro erhalten, wenn der Mannesmann-Kurs im Juli 2001 mindestens zehn Tage lang über 350 Euro kletterte - trotz des Börsenbooms damals war das ein ambitioniertes Ziel, von vielen belächelt.

Den Bonusplan hat es gegeben, Esser bestreitet das nicht, wohl aber die Hintergründe: "Wir wollten ein Zeichen nach außen setzen, dass wir daran glauben, was wir sagen" - dass der Kurs ohne eine Vodafone-Übernahme auf 350 Euro steigen würde. Der Bonus sei als "Signal an die Aktionäre" gedacht gewesen - ein "schnelles Pflaster auf Zweifel, die einige Aktionäre hatten", mehr nicht. In dieser Form ist der Bonus nie gezahlt worden. Doch was die Mannesmann-Manager am Ende bekamen, lag deutlich über diesen Summen.

Bis zum Morgen des 2. Februar habe er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um seine Aktionäre bei der Stange und Vodafone auf Abstand zu halten, versichert Esser. Sein Joker, den er im Fall des Falles aus dem Ärmel ziehen wollte, hatte das Codewort "Alcohol": Gemeint war ein Einstieg bei der Europa-Tochter des US-Internetkonzerns AOL - "unser bester Pfeil im Köcher", schrieb Esser am 31. Januar an seinen Vertrauten Kinzius. "Ein Jammer, dass wir den nicht schon im November geschossen haben." Das neue Gemeinschaftsunternehmen sollte zentral für alle Mannesmann-Mobilfunktöchter das mobile Internet vorantreiben.

Die Sache hatte einen Haken: Zum damaligen Zeitpunkt war Bertelsmann an AOL Europe beteiligt - und Esser war nicht bereit, die Gütersloher mit Geld auszuzahlen. Esser traf sich mit Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff und dem AOL-Team Ende Januar 2000. Im New Yorker "Four Seasons" klüngelten sie eine Lösung für das Dilemma aus.

Doch dann verstrich wertvolle Zeit. Die Mannesmann-Mobilfunktöchter sperrten sich gegen den Deal, sie fürchteten um ihre Kompetenzen. Die Umsetzung des Vertrags mit Bertelsmann kam einfach nicht voran, so dass schon damals so mancher in Frage stellte, ob es Esser mit AOL je ernst war. "Bei Mannesmann wird aus Weichheit gelegentlich die Postkutsche auch noch im Raketenzeitalter geschützt", schimpfte Esser in einer Mail an Kinzius.

Am 30. Januar schließlich wendete sich das Blatt endgültig gegen Esser. Die Alternative, auf die Esser am meisten gesetzt hatte, der Zusammenschluss mit dem französischen Mischkonzern Vivendi zu einem europäischen Mobilfunkunternehmen, löste sich in nichts auf. Der damalige Vivendi-Chef Jean-Marie Messier war den Lockrufen von Vodafone-Lenker Gent erlegen. Nun blieb nur noch AOL. Denn auch Worldcom hatte Esser als Alternative abgelehnt. "Das Konzept hat mich nicht überzeugt."

Die Uhr tickte. Am späten Abend des 1. Februar telefonierte Esser mit dem AOL-Manager Miles Gilburn: Bis zum Börsenbeginn um 8 Uhr am nächsten Morgen müsse man die Sache klar haben. Während der Nacht setzte ein Mannesmann-Manager in aller Eile den Vertrag auf - als er endlich fertig war, lag der AOL-Vorstand in den USA, so Esser, "aber schon im Bett".

Die AOL-Leute meldeten sich erst am späten Mittwochnachmittag - und wollten den Deal abschließen. Zu spät: "Wir hätten uns lächerlich gemacht, wenn wir dann noch versucht hätten, Tore zu schießen", sagt Esser. "Das Spiel war aus" - die Aktionäre waren inzwischen scharenweise zu Vodafone übergelaufen, darunter auch große deutsche Fondsgesellschaften.

Die Staatsanwälte schildern die letzten Tage der Schlacht in ihrer Anklage ganz anders: Bereits am 31. Januar - drei Tage vor dem nächtlichen Handschlag - habe Esser den Kampf verloren gegeben. In den folgenden Verhandlungen habe Esser nur noch ein Ziel verfolgt: sich selbst zu bereichern.

Einen entscheidenden Hebel habe er dabei in der Hand gehalten, argumentieren die Staatsanwälte: Mannesmann-Großaktionär Hutchison Whampoa saß auf etwa acht Milliarden Euro Kursgewinnen. Diese konnte Hutchison nicht ohne weiteres realisieren. Der Konzern aus Hongkong war an eine so genannte Lockup- Klausel gebunden und durfte seine Aktien erst im Frühjahr 2001 verkaufen. Denn kurz zuvor hatten die Asiaten die britische Mobilfunkfirma Orange an Mannesmann veräußert und dafür Aktien der Düsseldorfer erhalten. Hutchison hatte sich verpflichtet, die Anteile 18 Monate zu halten.

Der Vertrag sah die Ausnahme vor: falls der Mannesmann-Vorstand seinen Aktionären die Annahme eines Übernahmeangebots empfiehlt. Oder anders formuliert: falls Esser mitzieht. Das habe er getan, als der Hutchison- Vertreter Canning Fok den Vorschlag machte, Esser mit zehn Millionen britischen Pfund zu beschenken, argumentiert die Staatsanwaltschaft. Da sei Esser schwach geworden.

Unsinn, sagt dieser. Fok habe auch gar keinen Grund gehabt, ihn zu kaufen. Die Lockup-Klausel sei für Hutchison kein Hindernis mehr gewesen. Auch bei einer feindlichen Übernahme hätten die Asiaten die Anteile verkaufen können. Voraussetzung: Die Mehrheit der Aktionäre stimmte der Übernahme zu. Im Börsenprospekt heißt es: Hutchison darf ein Angebot zum Verkauf annehmen, wenn eine Änderung "der Beherrschungsverhältnisse stattfindet". Haben die Staatsanwälte das überlesen? Gegenüber dem Handelsblatt wollten sie dazu keine Stellung beziehen.

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