Kleinaktionäre müssen sich bei Hauptversammlungen künftig neue Vertreter suchen: Anlegerschützer buhlen um Stimmrechte

Kleinaktionäre müssen sich bei Hauptversammlungen künftig neue Vertreter suchen
Anlegerschützer buhlen um Stimmrechte

Wenn im Frühjahr die Hauptversammlungssaison beginnt, werden Sparkassen und Genossenschaftsbanken nicht mehr die Stimmrechte ihrer Kunden vertreten. Das Angebot wurde nicht mehr genutzt, heißt es zur Begründung. Doch Aktionärsschützer kritisieren den Schritt. Sie wollen Privataktionäre nun verstärkt selbst vertreten.

FRANKFURT/M. Das Prozedere hatte in Deutschland alljährlich im Frühjahr Tradition: Stand die Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft an, so wurde der Aktionär von seinem Depotverwalter darüber informiert, und - falls er nicht selbst teilnehmen wollte - konnte er seine Stimmrechte seiner Bank übertragen. Das dürfte sich für gut 80 % der deutschen Privatanleger in diesem Jahr ändern. Denn die unterhalten ihre Depots bei Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken, die diesen Service künftig nicht mehr anbieten werden. Lediglich Eintrittskarten können weiterhin bestellt werden.

"Die Entwicklungen am Aktienmarkt und die Hinweispflicht auf die Verbindungen der Banken zu den Aktiengesellschaften haben in den letzten Jahren zu einer Verlagerung der Stimmrechtsausübung auf den Aktionär oder auf andere Vertreter geführt", heißt es zur Begründung von Seiten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Sie übernahm bisher für Kunden der dortigen Sparkassen die Stimmrechtsvertretung. Grundsätzlich muss jedoch unterschieden werden zwischen Inhaber- und Namensaktien. Bei Namensaktien werden die Eintrittskarten schon seit zwei Jahren direkt an den Kunden versendet, ohne dass eine Vertretung möglich war.

Wie die LBBW bieten auch die elf anderen deutschen Landesbanken diesen Service nicht mehr für ihre angeschlossenen Sparkassen an. "Die Institute haben offenbar in den letzten Jahren zunehmend gespürt, dass dieser Service für die Kunden nicht mehr von Interesse ist", sagt Stefan Marotzke vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Viele Kunden würden die Aktienanlage als reines Investment und weniger als Beteiligung sehen. Gleiches ist von der DZ Bank und der WGZ-Bank als Dachorganisationen des genossenschaftlichen Sektors zu hören. Lediglich regionale Sparkassen oder Raiffeisenbanken besuchen unabhängig von ihren übergeordneten Organisationen weiterhin im Kundenauftrag Hauptversammlungen in ihrer näheren Umgebung. Generell zeichnet sich in den letzten Jahren auch der Trend ab, dass Fondsgesellschaften verstärkt Hauptversammlungen besuchen und dort als Redner und Antragsteller die Interessen ihre Fondsanleger vertreten. Indirekt profitieren davon auch Kleinaktionäre, weil beiden der Kurs der Aktie wichtig ist.

Verstärkt buhlen jetzt auch Aktionärsschützer um die Stimmen der Kleinaktionäre. Sowohl die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) als auch die Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre (SdK) werben dafür, dass Sparkassen und Genossenschaftsbanken ihre Depotkunden aktiv darauf hinweisen, dass eine Stimmrechtsübertragung durch sie kostenlos möglich ist. Beide Vereine besuchen etwa 1 000 Hauptversammlungen im Jahr. DSW-Geschäftsführer Ulrich Hocker fordert deshalb die Sparkassen und Genossenschaftsbanken zur Kooperation auf. Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre sucht inzwischen auch das Gespräch mit dem Bundesverband der Verbraucherzentralen. Schließlich gebe es immer wieder Situationen, bei denen die Interessen von Großaktionären und Privatanlegern auseinander gehen, sagt Hocker. Als Beispiele nennt er die Höhe von Abfindungen oder die Herausgabe wichtiger Informationen. Gespräche mit Landesbanken, großen Sparkassen und Volksbanken führen sowohl DSW als auch SdK im Moment. Bisher kooperieren lediglich die Direktbanken, die ihren Kunden den Service einer Stimmrechtsvertretung nie angeboten haben, mit den Aktionärsschützern.

Wegen des verminderten Services fordert SdK-Vorstandsmitglied Reinhild Keitel, dass die Sparkassen nun auch die Depotgebühren ihrer Kunden senken müssten. Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass Kunden von Sparkassen und Genossenschaftsbanken Stimmen in großem Stil an die Anlegerschützer übertragen, fordert Keitel zudem eine Art Verwaltungsgebühr. Das wiederum dürfte beim Werben um die aktive Mithilfe der Institute nicht gerade förderlich sein.

Nichts geändert haben allerdings die Großbanken an ihrem bisherigen Verhalten. Sie bieten ihren Kunden weiterhin die Stimmrechtsvertretung an. Grund dafür ist nach Ansicht der Aktionärsschützer aber weniger der reine Service-Gedanke: Die Großbanken sind in vielen Fällen an den Gesellschaften beteiligt und halten allein deswegen diesen Service weiter aufrecht, heißt es von Seiten der DSW.

Quelle: Handelsblatt

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