Kleinanleger verbinden Aktie mit Vorstandsvorsitzendem
Chef wechselt – Kurs wackelt

Viele Kleinanleger verbinden mit der Person des Vorstandsvorsitzenden Vorstellungen über die Unternehmensstrategie. Daher kommt es oft bei einem Wechsel auf dem Chefsessel zu kurzfristigen Kursausschlägen.

FRANKFURT/M. Gerüchte über eine Ablösung von Jean-Marie Messier an der Spitze von Vivendi Universal machten schon lange bevor es schließlich zum Wechsel kam die Runde. Als der Name des potenziellen Nachfolgers dann fiel und das Ende der Ära Messier immer näher rückte, machte die Vivendi-Aktie einen kurzen Satz nach oben. Es war, als atmeten die Anleger auf.

Eines fällt bei vielen Führungswechseln auf: Der Kurs schlägt kurz nach oder kurz vor der Ankündigung oder dem eigentlichen Wechsel aus - nach oben oder unten, je nachdem wie die Ablösung abläuft und wer der neue Chef ist. So geschehen bei General Electric, Linde oder auch der Deutschen Telekom. Die Euphorie oder die Enttäuschung ebbt aber schnell wieder ab.

"Für diese kurzfristigen Kursausschläge sind vor allem die naiveren Anleger verantwortlich, für die der Vorstandsvorsitzende das gesamte Unternehmen personifiziert", sagt Ekkehardt Stefan, Wirtschaftspsychologe an der Universität Kassel. Ron Sommer verkörperte zum Beispiel für viele Kleinaktionäre der Telekom wie kein anderer den Aufstieg und Fall der T-Aktie. "Hoffnung auf eine nachhaltige Änderung haben den Telekom-Kurs bei dem Wechsel anfänglich hochgetrieben", sagt auch Werner Stäblein, Analyst bei der BHF Bank. -ING Die Hoffnung währte nicht lange.

Institutionelle Investoren hingegen warten mit einer Entscheidung bei einem Wechsel eher ab. Auch die Analysten halten sich erst einmal zurück. "Es kommt immer darauf an, wie ein Wechsel zu Stande kommt und wer der neue Chef ist", sagt Stefan Rausch, Leiter der Unternehmensanalyse bei Helaba Trust. "Erst sollte man den neuen Vorstand und sein Konzept genauer kennen lernen. Dann entscheide ich, ob der Wechsel für die Aktie positiv oder negativ ist", sagt Michael Riedel, Analyst für Linde bei der Bankgesellschaft Berlin. Bei Linde wurde bereits im Frühjahr die Ablösung des Chefs Gerhard Full durch den Ex-BMW und Ex-Ford-Manager Wolfgang Reitzle für Anfang 2003 bekannt gegeben. Der Kurs schlug kurz nach unten aus, weil befürchtet wurde, dass Reitzle Linde weniger defensiv ausrichten könnte.

Zwischenlösung unbeliebt

Ein langsamer Wechsel wie bei Linde oder General Electric sei der Idealfall, sagen die Experten. Denn der Nachfolger kann sorgfältig ausgewählt und eingearbeitet werden. Eine Zwischenlösung, wie bei der Deutschen Telekom, bei der kein von außen kommender Chef einen Neuanfang markiert, stößt nicht auf besonders großen Anklang. "Ein Unternehmen dieser Größe kann sich keine Interimslösung leisten", sagt Telekom-Analyst Stäblein. "Bei massiven Problemen ist es generell besser, wenn der neue Chef von außen kommt. Er ist unvorbelastet und kann deshalb Fehlentscheidungen des Vorgängers eher korrigieren und auch umstrittene Entscheidungen treffen", sagt Gianni Hirschmüller, Direktor von Cognitrend. Der schnelle Wechsel bei Vivendi hingegen wurde positiv aufgenommen, da einerseits der Markt die Ablösung Messiers forderte und der Nachfolger Jean-René Fourtou auf Zustimmung stieß.

Genauso wichtig wie das Wie ist aber auch das Wer: "Was ist der Neue für ein Mensch? Ist er ein Sanierer oder ein Verwalter, welche Erfahrungen, Qualifikationen und Kontakte hat er? Kurz: passt der Deckel auf den Topf", sagt Rausch. Nach Meinung von Rudolf Gruenig, Professor für Unternehmensführung an der Universität Fribourg in der Schweiz, zählt weniger das Charisma eines Chefs. "Am Schluss gewinnt nicht der Blender, sondern derjenige mit dem klaren Konzept, das beharrlich durchgezogen wird", sagt Gruenig. Die Liste der Ansprüche an einen Vorstand ist lang. "Er muss klar die Marschrichtung des Unternehmens definieren. Dazu muss er Markt- und Technologiekenntnisse haben", sagt Gruenig. Zudem müsse ein Chef Stressresistenz, Beharrungsvermögen und Pragmatismus mitbringen und die Fähigkeit zu Führung und Kommunikation besitzen.

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