Kleine Arzneihersteller bangen wegen geringerer Spannen ums Überleben
Neue Regel lässt Arzneipreise sinken

Seit Mitte 2002 gilt die Wirkstoffregel (Aut-idem) bei Verschreibungen. Erstes Fazit: Die Preise vieler Medikamente fallen, was Krankenkassen erfreut und Apotheken und kleinere Pharmafirmen verärgert.

DÜSSELDORF. Auf die Einführung der Aut-idem-Regelung haben Pharmakonzerne mit kräftigen Preisnachlässen bei Medikamenten reagiert. Während die Preise 2000 und 2001 stetig gestiegen sind, sinken sie seit Mitte 2002 auf breiter Front. Das zeigen Erhebungen des zur Krankenkasse AOK gehörenden Wido-Instituts. Die Preisrückgänge verstärken sich im Schnitt seit Mitte des Jahres, dem Zeitpunkt der Einführung von Aut-idem.

In dem der Arzt nach der Regelung nur Wirkstoffe verschreibt, sollen Patienten möglichst die billigsten Arzneien bekommen. Aut-idem heißt "der-" oder "dasselbe". Arzt oder Apotheker sollen in vielen Fällen nicht das gewohnte Präparat verordnen beziehungsweise herausgeben, sondern auf billigere Alternativen aus dem unteren Preisdrittel der Wirkstoffklasse ausweichen, wie es sie etwa in Form von Nachahmermitteln (Generika) gibt. Voraussetzung dafür ist, dass die Wirkung der Medikamente gleich und die Verträglichkeit garantiert ist.

Um im Geschäft zu bleiben, haben große Pharmahersteller wie Aventis und Solvay die Preise ihrere Originalmedikamente teils kräftig gesenkt. "Aut-idem? Ohne uns!", ist auf ihren Werbeschriften an die Ärzte zu lesen: Statt aussortiert zu werden, sehen die Konzerne zu, dass ihre Mittel zwar nicht unbedingt die billigsten werden, aber im geforderten unteren Preisdrittel einer Wirkstoffklasse liegen. Großkonzerne können sich dies leisten. "Die Verlierer dabei sind die Pharmamittelständler" sagt Stefan Griep, Geschäftsführer der deutschen Tochter des israelischen Generikaherstellers Teva.

Nach Angaben von Griep sind die Preise einiger Originalpräparate bereits zwischen 15 und 20 % gesunken. Hersteller von Nachahmermitteln wie Teva reagieren darauf mit Verbilligungen zwischen 30 und 50 %. Grund: "Der Preis ist für Generikafirmen das entscheidende Verkaufsargument", sagt Griep. Die Pharmamittelständler fürchten nun eine Preisspirale nach unten. Denn das maßgebliche untere Preisdrittel wird für die Mittel regelmäßig neu bestimmt.

Tevas Chancen sind dabei noch gut: Das Unternehmen ist in Deutschland im Vergleich zu den Marktführern Stada, Ratiopharm und Hexal klein, doch weiß der Anbieter den finanzkräftigen Mutterkonzern als Generika- Weltmarktführer hinter sich. Andere werden es schwerer haben: Der Generikaverband rechnet mit vielen Firmenaufgaben in der Branche und untermauert diese These mit einer Untersuchung des jüngst verstorbenen Volkswirtschaftlers Hans-Jürgen Ewers.

Der Ökonom vermutet, dass sich große Pharmahersteller infolge der Aut-idem-Drittelregelung bei manchen Produkten auch auf Preise unterhalb der Durchschnittskosten einlassen. Ziel: Sie wollen ihre gesamte Position bei den Ärzten und Apotheken halten. Letztlich würden diesen Preiskampf im deutschen Generikamarkt nur fünf Konzerne überleben, glaubt Ewers. Folge: Die dann überschaubar kleine Gruppe könnten sich bei der Preisfestsetzung für Medikamente abgestimmt verhalten und die Preise wieder nach oben treiben.

Ob dieses Szenario so eintritt, ist noch nicht abzusehen. Doch auch die Wirkung der Substitutions-Regel auf die Apotheken setzt kleinere Pharma-Anbieter unter Druck. Infolge geringerer Arzneipreise sinkt auch die Handelsspanne bei den Apotheken: Viele reagieren darauf mit der Konzentration ihrer Lagerbestände auf die gängigsten Mittel, wie der Apothekerverband Nordrhein bestätigt. "Vor allem Newcomer bei Generika tun sich zunehmend schwer auf dem Markt", beobachtet Teva-Deutschlandchef Griep.

Ohnehin zeigen sich Apotheker enttäuscht von Aut-idem. Ursprünglich beabsichtigte die Bundesregierung mit der Regelung auch, die Stellung der Apotheker aufzuwerten: Wenn der Arzt nur eine Wirkstoffklasse statt ein spezielles Produkt verschreibt, sollte der Apotheker gegenüber dem Kunden sein pharmazeutisches Beratungskönnen einbringen und eine geeignete, billige Arznei empfehlen.

Doch diese Medikamentenauswahl in der Apotheke finde praktisch nicht statt, heißt es beim Apothekerverband Nordrhein. Der Grund: "Die meisten Ärzte wollen ihre Verordnungshoheit behalten", erläutert Jürgen Bausch, Ehrenvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung. Sie verschreiben auch aus dem unteren Drittel zumeist spezielle Präparate - und wenn immer möglich die vom Patienten gewohnten Mittel.

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