Kleinere Anbieter kritisieren Abschottungstrategien der Großkonzerne
Die Versorger gewöhnen sich an mehr Wettbewerb

Die großen Energieversorger haben sich umgestellt: Aus Abnehmern wurden Kunden; die Liberalisierung machte aus trägen Gebietsmonopolisten Wettbewerber. Entschlossen verteidigen die Großen ihre Marktanteile. Kleine Anbieter sehen sich diskriminiert. Über die Grenzen hinweg drängen die Unternehmen in neue Märkte. 2001 wird die Dynamik anhalten.

Reuters/HB DÜSSELDORF. Keine drei Jahre nach der Marktöffnung im Strombereich hat sich die Situation für die deutschen Energieversorger rasant verändert. Im Zuge der Liberalisierung des Strom- wie auch des Gasmarktes sind aus den ehemaligen Gebiets-Monopolisten harte Wettbewerber geworden, neue Allianzen wurden gebildet und neue Konkurrenz ist auf dem Markt. Jahrelang bestehende Überkapazitäten bei Strom, deren Kosten früher die Verbraucher trugen, sollen durch Stilllegungen von Kraftwerken abgebaut werden. Auch im europäischen Ausland, derzeit vor allem in Spanien, ändert sich der Markt durch die Liberalisierung und eröffnet ausländischen Versorgern Chancen für einen Einstieg.

Von vielen Seiten gibt es aber Kritik an der Umsetzung der Marktöffnung. Neue Stromanbieter in Deutschland fühlen sich von den Branchenriesen benachteiligt. Carsten Knauer, Vorstandschef vom Marktneuling Riva Energie, bemängelt vor allem die hohen Durchleitungsentgelte, die die großen Netzbetreiber verlangen würden. Da der Aufbau eigener Netze aus Kostengründen ausscheide, seien die Neuen auf die Nutzung bestehender Netze angewiesen. Die so genannte Verbändevereinbarung Strom sei nicht geeignet, die Monopolvorteile der Großen zu brechen, sagt Knauer, der auch Vorstand im Verband der freien Energiedienstleister ist.

Kritiker zogen bis vors Kartellamt

Die neuen Anbieter haben sich inzwischen beim Bundeskartellamt beschwert. Auch beim Verbraucher regt sich Kritik an der Umsetzung der Marktöffnung. Vor allem auf dem Gasmarkt sieht es nach Ansicht von Volker Stuke, Geschäftsführer des Verbandes der Energieabnehmer "ganz traurig" aus. "Von Wettbewerb ist da noch keine Spur." Hier seien die Durchleitungspreise nicht nur zu hoch. Viele Netzbetreiber seien noch nicht einmal bereit, ihre Preise überhaupt zu veröffentlichen, wonach sie durch die im vorigen August beschlossene Verbändevereinbarung Gas aber verpflichtet sind. Stuke fordert denn auch statt Vereinbarungen unter den Versorgungsverbänden der Wirtschaft eine der Telekommunikation vergleichbare Regulierungsbehörde.

Die Großen der deutschen Energiebranche haben auf die Liberalisierung mit Fusionen und Übernahmen geantwortet. In Ostdeutschland bildet sich derzeit um die Hamburgischen Electricitäts Werke und die Veag die von den Kartellbehörden lange geforderte vierte Kraft.
Zuvor hatten sich Veba und Viag zur Eon zusammengeschlossen, RWE und VEW zur neuen RWE. Die Energie Baden-Württemberg hat in der Electricite de France einen starken Partner gefunden. Dabei ist den Großen klar: Deutschland ist nur die Basis. Wollen sie wettbewerbsfähig bleiben, müssen sie in Europa expandieren.

Eon und RWE sind inFrankreich bislang gescheitert

Eon-Chef Ulrich Hartmann hat vor kurzem Spanien als interessanten Markt ausgemacht. Die spanischen Branchenriesen Endesa und Iberdrola werden nach Einschätzung von Branchenkennern Teile ihrer Erzeugung und Stromverteilung abgeben müssen, um kartellrechtliche Auflagen zu erfüllen. An daraus entstehenden integrierten Stromanbietern sei Eon sehr interessiert, hatte Hartmann erklärt. Versuche von Eon und RWE, auf dem großen französischen Markt Fuß zu fassen, sind bislang gescheitert.

Wegen des unterschiedlichen Umfangs bei der Öffnung der Märkte wird es einen einheitlichen europäischen Strommarkt nach Analystenansicht frühestens in vier bis fünf Jahren geben. Offene Märkte führen zu Wettbewerb und dieser zu niedrigeren Preisen. Diese volkswirtschaftliche Logik, die in der Telekommunikation ihre Richtigkeit unter Beweis zu stellen scheint, kommt in der Versorgerbranche nur eingeschränkt zum Tragen. Tatsächlich sind die Strompreise seit der Marktöffnung im Frühjahr 1998 zunächst erst für Industriekunden und seit Sommer 1999 auch für den privaten Verbraucher kräftig gefallen.

Re-Regulierung des Marktes durch Ökogesetze

Doch inzwischen haben viele Stromanbieter ihre Preise schon wieder angehoben und weitere Erhöhungen angekündigt. Denn das freie Spiel der Kräfte ist nach Ansicht von Hans-Wilhelm Schiffer, Energiewirtschaftsexperte bei der RWE-Tochter Rheinbraun, durch die Politik gestört. Durch geplante Gesetze wie dem zur Förderung erneuerbarer Energien oder der zur Unterstützung der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) werde ein Drittel des deutschen Strommarktes re-reguliert, sagt Schiffer. Sollte es zu der in der Politik diskutierten Quotenregelung kommen, nach der ein bestimmter Teil des Stroms aus KWK-Anlagen erzeugt werden muss, werde die Liberalisierung konterkariert. Importe billigeren Stroms aus Ländern mit nur geringer Marktöffnung wie beispielsweise Frankreich. KWK-Strom ist nach Ansicht der Branche derzeit noch zu teuer und damit nicht wettbewerbsfähig.

Beim Gas ist durch die Liberalisierung von vorneherein nicht mit sinkenden Preisen zu rechnen, sagt Schiffer. Denn die Marktöffnung ändert nichts daran, dass die Branche langfristige Verträge mit wenigen Lieferanten, vorwiegend aus Rußland, Großbritannien und den Niederlanden hat. Auch gebe es beim Gas keine preisdämpfenden Überkapazitäten. Die von vielen Anbietern jüngst angekündigten Preiserhöhungen hätten mit der Marktöffnung hingegen nichts zu tun. Sie seien eine Folge der im Herbst gestiegenen Ölpreise. Der Gaspreis ist traditionell an den Ölpreis gekoppelt und folgt diesem mit etwa einem halben Jahr Zeitverzug. Der seit einigen Wochen zu beobachtende Rückgang der Rohölnotierungen wird daher mit entsprechendem Zeitverzug auch die Gaspreise wieder entsprechend sinken lassen.

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