Klinkenputzen für Obama
US-Wahl: Bis zur letzten Minute von Tür zu Tür

Wenige Tage vor der Wahl des 43. Präsidenten der USA kämpfen im Schlüsselstaat Virginia noch Heerscharen von Obama-Aktivisten um jede Stimme. 1964 hatten dessen Bewohner zum letzten Mal bei einer Präsidentschaftswahl mehrheitlich für einen Demokraten gestimmt. Mit ihrem Engagement wollen die Wahlhelfer aber nicht nur Obama unterstützen - sie möchten selbst Teil des Sieges sein.

CENTERVILLE. 93 Türen - das ist die Zahl, die wir schlagen müssen!", ruft John in die Runde. John ist noch ziemlich jung, Aktivist in der Obama-Kampagne - und er will an diesem Morgen die noch etwas müde Truppe, die sich an der Metrostation im Südwesten Washingtons versammelt hat, auf Trab bringen. Bis zur Wahlentscheidung am Dienstag sind es nur noch wenige Tage. Jetzt sollen deshalb noch mal all jene Häuser abgeklappert werden, in denen potenzielle Obama-Wähler wohnen, die sich aber noch nicht endgültig entschieden haben. Der Rekord steht bei 93 Türgesprächen an einem Nachmittag. Und den gilt es zu brechen.

Der benachbarte US-Bundesstaat Virginia ist an diesem Tag das Ziel der vielleicht 60 Freiwilligen, die sich zu ihren Einsatzorten in Leesburg, Woodbridge, Fairfax oder Centerville aufmachen. Die 22-Jährige Annie Hickman ist eine von ihnen. Annie hat soeben das College abgeschlossen und arbeitet seit ein paar Wochen in ihrem ersten Job bei einer Investmentfirma. Dass sie sich dennoch nebenbei die Zeit nimmt, für die Kampagne des Senators aus Illinois zu engagieren hat mehrere Gründe. Einen ganz wichtigen will sie nicht verschweigen: "Es ist natürlich auch ziemlich cool, hier dabei zu sein".

Genau das war das Erfolgsgeheimnis von Anfang an: Heerscharen von weißen College-Kids fanden es einfach klasse, sich für den Afro-Amerikaner Barack Obama einzusetzen. Und Obama und seiner Mannschaft ist es gelungen, diesen Enthusiasmus über die ganze lange Kampagne zu retten - bis heute, kurz vor dem Wahltag.

Virginia lockt dabei ganz besonders. Denn sollte sich am Dienstag Virginia blau färben - in die Farbe der Demokraten - dann wäre wohl der Grundstein für einen Sieg von Obama gelegt. 1964 hatten die Bewohner des "Old Dominion" zum letzten Mal bei einer Präsidentschaftswahl mehrheitlich für einen Demokraten gestimmt. Das war Lyndon B. Johnson, und die allermeisten der Obama-Aktivisten kennen den Nachfolger von John F. Kennedy nur aus den Geschichtsbüchern. Jetzt aber ist die Wende zum Greifen nah. Laut einer Umfrage der Washington Post hat Obama seinen Vorsprung gegenüber seinem republikanischen Rivalen John McCain inzwischen auf acht Prozent ausgebaut.

Virginia ist ein Schlüsselstaat, weil ein Sieg dort stattliche 13 Wahlmännerstimmen einbringt. Stimmen, auf die McCain fest rechnet, wenn er eine Chance gegen Obama haben will. Hält Obama jedoch jene Staaten, die John Kerry 2004 gewann - und gelänge ihm dazu noch ein Erfolg in Virginia, dann wäre er ganz knapp dran an der magischen Wahlmännerzahl von 270. Ein weiterer Sieg in den kleineren Iowa oder New Mexico - und Obama wäre der 44. US-Präsident. Darum werfen die Kampagnen so viele Ressourcen nach Virginia. Und darum wird dort bis zuletzt um jede Stimme gerungen. 49 Wahlkampfbüros hat die Obama-Kampagne im "Battleground" Virginia aufgemacht; McCain lediglich 21.

Für Virginia gilt, was derzeit für das ganze Land gilt: Die Wirtschaft ist das überragende Thema dieser Wahl. Als Annie, bewaffnet mit Adressliste und handgemalter Karte in Centerville von Tür zu Tür geht, ist es das, was sie zu hören bekommt. Die Sorgen darüber, wie es mit dem Job, der Rente und der Hausfinanzierung weitergeht. Annie sagt, warum sie glaubt, dass Obama jetzt der Richtige ist, sie bedrängt die Wähler nicht, aber sie bittet sie, vor dem 4. November noch einmal genauer hinzusehen, wer in diesen Zeiten der bessere Präsident wäre.

Wenn die Tür dann wieder zugeht, werden akkurat die Kladden im Fragebogen ausgefüllt: Wie hat der Befragte reagiert, wie wird seine politische Orientierung eingeschätzt, braucht er eine Fahrgelegenheit zum Wahllokal, lohnt sich ein weiterer Besuch. Später wird Annie all diese Daten in eine Excel-Tabelle eintragen, die dann ausgewertet werden. Nichts überlässt die Obama-Kampagne dem Zufall. Und immer gibt es genügend Helfer, die bereit stehen.

80 Türen hat Annie an diesem Tag geschafft. Kein neuer Rekord, aber auch nicht gerade schlecht. Vor allem aber: Annie war dabei. Und wenn Obama nächste Woche siegen sollte, dann hat es vielleicht auch ein kleines bisschen mit ihr zu tun.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
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