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Klinsmann feiert gelungenen Einstand

Jürgen Klinsmann stürmte nicht das Feld, umarmte keinen Spieler und zeigte auch sonst keine überschäumenden Gefühle: Der Trainer-Neuling blieb nach dem 3:1-Sieg in Österreich cool und beherrscht.

dpa WIEN. Jürgen Klinsmann stürmte nicht das Feld, umarmte keinen Spieler und zeigte auch sonst keine überschäumenden Gefühle: Der Trainer-Neuling blieb nach dem 3:1-Sieg in Österreich cool und beherrscht.

Man konnte annehmen, er habe derartige Fußball-Abende schon hundertfach und nicht zum ersten Mal erlebt. Als Michael Ballack, Kevin Kuranyi & Co nach dem Schlusspfiff von Schiedsrichter-Star Pierluigi Collina auf ihn zuliefen und zum Einstand beglückwünschen wollten, hielt sich der neue Bundestrainer die Schutzbefohlenen vom Leib. Stattdessen beorderte er sie in die Westkurve, wo sie sich bei den mitgereisten deutschen Fans für die Unterstützung zu bedanken hatten.

Die Botschaft, die der 40 Jahre alte Trainer-Novize mit der Geste im Ernst-Happel-Stadion aussenden wollte, war unmissverständlich. "Dies war nur ein erster Baustein", verkündete Klinsmann, eine wertvolle Starthilfe sozusagen in das von ihm propagierte "Projekt 2006". Aber auch ein Auftritt mit Signalwirkung, so der neue Chefcoach: "Die Spieler merken jetzt, da bewegt sich etwas. Sie merken, dass sie zu Großem imstande sind. Das wird sich auf die Fans und das ganze Umfeld übertragen."

Zumindest hat der zwar nicht überragende, aber immerhin leidenschaftliche und siegreiche Auftritt in Wien der neuen Führungstroika einen wichtigen Anfangskredit in der Öffentlichkeit und Akzeptanz im Umfeld verschafft. Unverkennbar war das Bemühen in den deutschen Reihen, die Forderung von Klinsmann und seinem Assistenten Joachim Löw nach Tempo-Fußball umzusetzen, auch wenn das eigene technische Vermögen dafür mitunter nicht ausreichte.

"Es hat riesig Spaß gemacht zu sehen, wie die Jungs auf die Österreicher draufgegangen sind", freute sich Klinsmann, dass sein Wunsch nach "Aggressivität, Feuer und Begeisterung" erfüllt wurde: "Die Spieler haben ein Gespür dafür bekommen, was wir von ihnen erwarten und wo wir hinwollen." Nach dem Schlusspfiff öffnete er die Mannschaftskabine für den noch allein amtierenden DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der als Gratulant eintreten durfte. Beim Abendbrot zur mitternächtlichen Stunde waren Team und Trainergespann wieder unter sich.

"Man hat bei jedem Spieler den absoluten Willen gesehen, einen Aufbruch zu starten", sah Team-Manager Oliver Bierhoff, der die Partie von der Tribüne aus verfolgt hatte, die Vorgaben erfüllt. Am wirkungsvollsten gelang dies Neu-Kapitän Michael Ballack und Kevin Kuranyi, dem mit dem "Dreier-Pack" im 22. Länderspiel gelang, wonach der einstige Weltklasse-Stürmer Klinsmann in 108 DFB-Einsätzen vergeblich strebte.

"Er macht seine Entwicklung", prophezeite der neue Teamchef dem Torjäger. Kuranyi indes sandte nach seinen Toren eine Botschaft an Club-Trainer Matthias Sammer, der ihn zum Saisonstart ins zweite Glied verbannt hatte: "Wenn man von Anfang an spielt, gibt das Sicherheit. Man merkt, dass der Trainer hinter einem steht."

Kuranyi hatte in Ballack einen Mitspieler, der ihn zwei Mal mustergültig in Szene setzte und auch sonst die dominierende Figur auf dem Platz war. Die Kapitänsbinde schien den Mittelfeldspieler nicht zu belasten, sondern eher zu beflügeln. Auch nach dem Spiel trat Ballack als Kopf der Mannschaft auf, indem er warnte: "Der Gegner war nicht der Stärkste. In nächster Zeit kommen stärkere Gegner, an denen wir uns zu messen haben."

Sein Vorgänger Oliver Kahn stapfte dagegen so missmutig durch das Stadion, als gehöre er zum Team der unterlegenen Österreicher. Nachdem er absprachegemäß sein Tor zur Pause für Jens Lehmann räumen musste, wirkte er bei seiner Zuschauerrolle in der zweiten Hälfte mitunter abwesend und verließ danach wortlos die Arena. Allerdings war auch Lehmann mit der Arbeitsteilung unglücklich: "Ich habe von etwas anderem geträumt als mit 34 Jahren in Österreich eingewechselt zu werden", dokumentierte der Arsenal-Keeper seine Unzufriedenheit.

Klinsmann widersprach Gerüchten, wonach Kahn zu Wochenbeginn mit seinem Rücktritt gedroht habe, und ließ offen, wie lange er sich die Torwart-Fehde noch anschauen wird. "Es war sehr wichtig, einen Draht zu den Spielern aufzubauen. Dieses Kennenlernen war sehr angenehm", zog er ein positives Fazit der ersten Dienstreise mit den "feinen Kerls".

Dass beim Charaktertest spielerisch noch einiges im Argen lag, darüber sah der neue Chefcoach noch gerne hinweg. Große Steigerungsmöglichkeiten haben beispielsweise Debütant Frank Fahrenhorst oder die formschwachen Youngster Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm und auch Rückkehrer Tim Borowski. Nach Klinsmanns Ansicht aber haben sie alle die Perspektive, beim großen WM-Ziel in 22 Monaten zur DFB-Auswahl zu gehören: "Für mich war das absolut keine Notelf."

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