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Klinsmann gewinnt Punkte gegen Skeptiker

Am Morgen nach dem Hoffnung machenden 1:1 gegen Rekord-Weltmeister Brasilien saß der neue Spiritus Rector, der belebende, treibende Geist der deutschen Nationalmannschaft schon im Flugzeug zurück in seine Wahl-Heimat Kalifornien.

dpa BERLIN. Am Morgen nach dem Hoffnung machenden 1:1 gegen Rekord-Weltmeister Brasilien saß der neue Spiritus Rector, der belebende, treibende Geist der deutschen Nationalmannschaft schon im Flugzeug zurück in seine Wahl-Heimat Kalifornien.

Von den anhaltenden Lobeshymnen über den gelungenen Heimeinstand als Bundestrainer bekam Jürgen Klinsmann so nur noch einen Bruchteil mit. "Das ist ein ganz wichtiger Baustein, den wir gesetzt haben auf dem langen Weg Richtung 2006", erklärte Klinsmann nach dem Remis gegen die Samba-Zauberer, das in erster Linie ein Punktgewinn gegen die Skeptiker war.

Mit ungewöhnlichen Trainingsmethoden, vielen Neuerungen im Umfeld, Offenheit und Mut hatte der einstige Weltklasse-Stürmer Klinsmann die Erneuerungen in sechs Tagen Berlin-Aufenthalt voran getrieben. Das Resultat und vor allem die Spielweise gegen Brasilien überzeugten Beobachter und Hauptdarsteller schneller als gedacht vom eingeschlagenen Kurs. Die positiven Erkenntnisse: Die DFB-Elf kann auch gegen ein Weltklasse-Team mithalten, Sebastian Deisler ist nach einjähriger Abstinenz wieder ein vollwertiges Team-Mitglied, Kevin Kuranyi avanciert mit dem vierten Länderspieltor in Folge zum "Knipser der Nation", und mit Robert Huth zauberte Klinsmann die Entdeckung des Abends aus dem Hut.

"Großes Kompliment an den Trainerstab. Er hat tolle Arbeit geleistet. Es war ein gewaltiger Schritt nach vorn. Diese Zeichen stimmen uns hoffnungsvoll", meinte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der in der Nacht zum Donnerstag noch beim gemeinsamen Treff im Hotel Hyatt den Spielern gratulierte. Die "Handschrift von Klinsmann" sei klar erkennbar gewesen, ergänzte der designierte Verbandschef Theo Zwanziger.

"Na klar war es für mich ein Schritt nach vorn. Wie es Herr Klinsmann schon gesagt hat, irgendwann müssen die jungen Spieler mal spielen, umso früher, umso besser", kommentierte der 20-jährige Wahl- Engländer Huth äußerlich gelassen wie in den Zweikämpfen mit Ronaldo oder Adriano seine Leistung. Als 16-Jähriger war der stämmige Verteidiger von Union Berlin zum FC Chelsea gewechselt, wo er in dieser Saison allerdings bisher nur ein einziges Mal in der Reserve zum Zuge gekommen war. "Heute hat sich gezeigt, dass sich die jungen Spieler auch gegen eine Weltklasse-Mannschaft durchsetzen können", meinte Huth mit einem versteckten Hinweis an seinen Arbeitgeber.

Franz Beckenbauer pries die wohl überfälligen Änderungen, ohne den Namen von Klinsmann-Vorgänger Rudi Völler zu nennen: "Jetzt herrscht eine ganz andere Philosophie in der Nationalmannschaft." Offenbar hat es die neue sportliche Führung innerhalb kurzer Zeit geschafft, nicht nur verkrustete Strukturen um das Team, sondern auch altes Sicherheitsdenken bei den Spielern aufzubrechen. "Die Mannschaft hat heute so ein Gespür dafür gefunden, wozu sie im Stande ist, wenn alle mit viel Dynamik und Tempo zu Werke gehen", beschrieb Klinsmann den Wandel.

Fast schien es, das DFB-Team könnte ausgerechnet gegen Brasilien auch den Makel tilgen, seit vier Jahren gegen keine große Fußball- Nation mehr gewonnen zu haben. "Ich hatte noch den Funken Hoffnung in den letzten 20 Minuten, vielleicht können wir noch einen drauf setzen", verriet Klinsmann seine Gedanken, doch der Kräfteverschleiß war einfach zu hoch: "Das wäre vielleicht auch des Guten zu viel gewesen." Auch Oliver Kahn fand an der persönlichen WM-Final- Revanche trotz des Zaubertors von Ronaldinho Gefallen: "Wir haben gezeigt, was in uns steckt und wozu wir fähig sind. Zuletzt haben wir gegen große Teams nach einem Gegentor immer die Köpfe hängen lassen, dieses Mal haben wir uns gewehrt."

Der neue Kapitän Michael Ballack lobte vor allem die neue Jugend-Fraktion im Team. "Es hat mich begeistert, wie die jungen Spieler - Robert voran - ihre Sache gemacht haben. Einige haben vielleicht gedacht, das geht nicht gut, als sie die Aufstellung gelesen haben. Die Jungs haben eindrucksvoll bewiesen, mit dem nötigen Respekt, aber ohne Angst, dass sie gegen die Superstars mithalten können", so der Münchner.

Ballack warnte bei allem Lob aber vor übertriebenem Optimismus: "Das war nur ein Spiel, es liegt noch ein langer Weg vor uns." Beim Blick auf kommende Gegner wie Iran, Kamerun oder Thailand und die möglicherweise dann geringere Motivation als gegen Brasilien meinte der Spielführer: "Die nächsten Spiele werden wesentlich schwieriger."

Klinsmann setzte deshalb schon jetzt andere Reizpunkte und schrieb seinem aktuellen Personal schon Pluszähler im Blick auf die WM in 22 Monaten an. "Alle, die jetzt am Anfang mit dabei sind, die 18 bis 20 Leute, verschaffen sich Stück für Stück einen Vorteil gegenüber denen, die jetzt nicht dabei sind." Namen wie Dietmar Hamann, Jens Nowotny, Sebastian Kehl oder Fredi Bobic wurden vor und nach dem Brasilien-Spiel überhaupt nicht mehr genannt.

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