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Klinsmann im ersten Gewissenskonflikt

Hamburg (dpa) - Branchenführer Bayern München bedrängte den neuen Teamchef der Nationalmannschaft, für das Länderspiel am 18. August in Österreich auf eine Nominierung des wieder erstarkten Sebastian Deisler zu verzichten.

Hamburg (dpa) - Branchenführer Bayern München bedrängte den neuen Teamchef der Nationalmannschaft, für das Länderspiel am 18. August in Österreich auf eine Nominierung des wieder erstarkten Sebastian Deisler zu verzichten.

«Er braucht noch Zeit. Es wäre nicht gut, ihn zu früh unter Druck zu setzen», sagte Trainer Felix Magath. Noch deutlicher wurde Manager Uli Hoeneß: «Er soll sich erst stabilisieren und einige Spiele für den FC Bayern machen. Er soll 2006 die Kohlen aus dem Feuer holen und nicht in Österreich.»

Damit steckt Jürgen Klinsmann vor seiner Feuertaufe als Bundestrainer in einem ersten Gewissenskonflikt. Er möchte bei seinem Debüt natürlich mit der möglichst stärksten Elf antreten, und die von der EM enttäuschten Fans wollen Deisler schon in Österreich sehen. Der Bundestrainer ließ bei seiner Medien-Offensive in allen Bundesliga-Sendern sowie der «Bild am Sonntag» aber offen, ob er den von Depressionen geheilten Deisler in sein Aufgebot für die Partie in Wien berufen wird. Seine sportlichen Ausnahme-Qualitäten ließ der 24-jährige Deisler zum Bundesliga-Start nicht nur als Freistoß-Torschütze beim 2:0-Sieg in Hamburg wieder aufblitzen. «Alle in Deutschland haben ganz große Hoffnungen in Sebastian Deisler», meinte Klinsmann.

Nach dem Sichtungs-Wochenende zum Saison-Auftakt und einem mehrstündigen Meinungsaustausch mit seinem Vorgänger Rudi Völler will der neue Bundestrainer zum Wochenbeginn mit seinem Assistenten Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff beraten, welche Kandidaten von der bereits erstellten provisorischen Liste ins erste Aufgebot übernommen werden. «Es wird keine radikalen Änderungen geben», kündigte der Schwabe an: «Die Mannschaft wird aus einem gewissen Kern bestehen.» Zu diesem zählt Klinsmann neben Dietmar Hamann («Hat eine Führungsposition in Liverpool») und Jens Nowotny («ein Leader-Typ») natürlich auch Michael Ballack und Oliver Kahn.

Allerdings wollte sich Klinsmann noch nicht auf eine Stammplatz-Garantie für den Kapitän und Torwart festlegen. «Wir haben das Glück, mit Oliver Kahn und Jens Lehmann zwei Weltklasse-Torhüter zu haben. Und mit Timo Hildebrand einen Kerl, der auf dem Weg dahin ist. Es wird interessant», erklärte Klinsmann. Auch auf den anderen Positionen möchte er die Testspiele in diesem Jahr zu Experimenten nutzen: «Ich werde viel rotieren. Ich werde einige junge Kerle ins Wasser werfen und sehen, wie sie mit dem Druck umgehen.» Beste Aussichten, als erste Debütanten der Klinsmann-Ära in die DFB - Geschichte einzugehen, haben die Abwehrspieler Andreas Görlitz (22) vom FC Bayern und Frank Fahrenhorst (26) von Werder Bremen.

Wichtiger als Personalien ist für Klinsmann zunächst, die Atmosphäre in und rund um die DFB-Auswahl von Grund auf zu verändern. «Ich will ein Umfeld aufbauen, das mit positiver Energie aufgeladen ist», sagte er im Aktuellen Sport-Studio des ZDF, wo er um Unterstützung für seine Politik warb: «Alle Manager und Trainer wollen eine erfolgreiche WM, wir sind alle im gleichen Boot.» Falls dieses gemeinsame Unternehmen erfolgreich laufe, kann sich Klinsmann trotz Zwei-Jahres-Vertrages durchaus eine längerfristige Arbeit beim DFB vorstellen: «Nein, ich schließe nicht aus weiterzumachen.»

Dass der neuen Troika trotz aller Hilfe-Bekundungen der Bundesliga auch scharfen Gegenwind ins Gesicht blasen wird, beweist allein der «Fall» Rudi Assauer. Der Manager von Schalke 04 erneuerte in der «Welt am Sonntag» erneut seine Vorbehalte: «Diese Drei sollen den deutschen Fußball nach vorne bringen? Da fehlt mir der Glaube.»

Auch Arsene Wenger, der sich mit einem Bekenntnis zum FC Arsenal selbst aus dem Kandidaten-Kreis für die Völler-Nachfolge verabschiedet hatte, meldete Bedenken an: «Klinsmann ist sicher intelligent und erfahren, aber Trainer ist ein Job, den man wie jeden anderen auch lernen muss.» Großer Erwartungen setzt hingegen Arsenal- Torhüter Lehmann in Klinsmann & Co: «Es ist gut, dass endlich mal intelligente Leute anpacken.»

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