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Klinsmann kompromisslos in Kraftprobe um WM-Quartier

Jürgen Klinsmann will sich auf dem Weg zum WM-Titel 2006 weder von verbandsinternen noch von äußeren Widerständen aufhalten lassen und dokumentiert seine Entschlossenheit und Tatkraft mit der kompromisslosen Haltung im Konflikt um das WM-Quartier.

dpa FRANKFURT/MAIN. Jürgen Klinsmann will sich auf dem Weg zum WM-Titel 2006 weder von verbandsinternen noch von äußeren Widerständen aufhalten lassen und dokumentiert seine Entschlossenheit und Tatkraft mit der kompromisslosen Haltung im Konflikt um das WM-Quartier.

Der neue Bundestrainer und sein Team-Manager Oliver Bierhoff machten in einem gemeinsamen Interview mit der dpa deutlich, dass sie auf die Entscheidungsgewalt des Trainerstabes pochen und auch vor einer Kraftprobe innerhalb des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nicht zurückschrecken. Sportlich will die neue Führung der Nationalmannschaft den eingeschlagenen Kurs nach dem geglückten Start in den Spielen gegen Österreich (3:1) und Brasilien (1:1) konsequent fortsetzen und den entfachten Optimismus weiter schüren.

Im Quartier-Streit scheut Klinsmann keinen Konfrontationskurs. Zumal er registrieren musste, dass das Thema "aus unserem eigenen Haus nach außen getragen wurde", wie er monierte. Klinsmann weiter: "Aber egal, wer sich jetzt alles zu Wort meldet: Nur der Trainerstab entscheidet, wo wir 2006 untergebracht werden. So haben wir uns auch bei unserem Treffen mit der DFB-Spitze in Berlin klar positioniert."

Der noch unter seinem Vorgänger Rudi Völler ausgewählte Standort Leverkusen dürfte in der geplanten Form nicht realisiert werden, machte Bierhoff klar: "Die jetzige Lösung ist nicht optimal, das muss man einfach zugeben. Das haben auch die Spieler gesagt." Klinsmann gab erste Einblicke in seine Vorstellungen: "Es kann auch sein, dass wir in mehrere Hotels gehen und alle zehn Tage umziehen." Zeitlich unter Druck setzen lassen will er sich nicht, sondern womöglich erst nach dem Konföderationen-Pokal im Sommer 2005, den er als Testfall nutzen will, eine Entscheidung treffen. Auch wenn viele mitreden wollten, sei für ihn in Nationalmannschafts-Fragen "Gerhard Mayer- Vorfelder, der DFB-Präsident", der entscheidende Ansprechpartner.

Dass Klinsmann wegen seines Reform-Eifers bereits als "Hurrikan Jürgen" tituliert wurde, der über Fußball-Deutschland hinweg fege, erstaunt ihn: "Ein Hurrikan ist es in keinster Weise, vielleicht ein Windstoß." Nach der Entmachtung von DFB-Direktor Bernd Pfaff und der Absage von Flavio Battisti wird Georg Behlau, bislang rechte Hand von DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, nach seinen Probe-Einsätzen bei den ersten Länderspielen Leiter des neuen Nationalmannschafts-Büros.

Im Schatten von Klinsmann versucht auch Bierhoff die für ihn neu geschaffene Position des Team-Managers zunehmend mit Leben zu füllen und transparenter zu machen. "Es ist ein wahnsinnig großes Spektrum", berichtete der Ex-Nationalspieler, Klinsmann bescheinigt ihm "mehr als einen Fulltime-Job". Bierhoff hält der sportlichen Führung den Rücken frei. So war es zum Beispiel die Aufgabe des Team-Managers, den Bundesliga-Managern "zu verklickern", warum die Spieler nach Länderspielen erst einen Tag später heimreisen. Bierhoff hält auch Kontakt zu verletzten Akteuren wie dem Hamburger Benjamin Lauth.

Im Mittelpunkt der Bemühungen steht weiterhin die Schaffung eines positiven Klimas rund um die DFB-Auswahl. Bei den Spielern scheint Klinsmanns' Optimismus schnell ansteckend gewirkt zu haben. "Es war wichtig, den Spielern gleich zu zeigen, wer wir sind. Unsere allererste Mannschaftssitzung haben wir mit einem emotionalen Video eröffnet mit den deutschen WM-Erfolgen von 1954, 1974, 1990, der Vize-Weltmeisterschaft 2002 und zum Schluss Berlin 2006. Da wollen wir hin, haben wir gesagt."

Erreicht werden soll dies mit Spaß und Emotionen, die auch in farbenfrohen Trikots zum Ausdruck kommen sollen. "Wir wollen die von der sportlichen Führung vorgegebene neue Spielweise auch äußerlich verkörpern", verriet Bierhoff nach einem Gespräch mit dem Ausrüster (adidas). Das WM-Team 2006 soll sich an der Elf von 1996 orientieren, die bei der EM in England mit den Spielern Klinsmann und Bierhoff für den letzten deutschen Titelgewinn sorgte. "Das Fundament einer Gruppe, die etwas Großes erreichen will, ist positive Atmosphäre, Teamgeist, Kameradschaft", glaubt der Bundestrainer, der die negative Grundstimmung in Deutschland beklagt: "Sicher ist alles schwieriger in einer Zeit, in der es in unserer Gesellschaft seit Jahren stagniert. Es ist für die Spieler sehr schwer, sich dieser grundsätzlichen Kritikstimmung im Land zu entziehen."

Gerade die junge Spieler-Generation gibt Klinsmann Grund zur Hoffnung. Jüngstes Beispiel ist der 20-jährige Robert Huth, den er gegen Brasilien ins kalte Wasser warf: "Er hat sich im Prinzip mit zwei Spielen in den Stamm der Nationalmannschaft gespielt." Leitfigur sei aber der von ihm zum Kapitän beförderte Michael Ballack. "Michael spielt eine sehr entscheidende Rolle Richtung 2006. Er ist der international am meisten geschätzte Feldspieler. Wir sind überzeugt, dass er immer mehr in die Kapitänsrolle wachsen wird." Auch von anderen Akteuren erwartet Klinsmann, "dass sie bis 2006 noch ein paar Stufen auf der Leiter hoch klettern werden." So sei das Ziel, 2006 Weltmeister zu werden, "absolut realistisch", sagte er dem "kicker". "Denn wenn es in ein Turnier geht, hat jede Nation einen Heidenrespekt vor uns.

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