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Klinsmann-Programm: Sightseeing und volle Konzentration

Jürgen Klinsmann hat die Fußball-Nationalspieler in nie zuvor erlebter Form auf das außergewöhnliche Länderspiel in Iran eingestimmt und einmal mehr alle verblüfft.

dpa TEHERAN. Jürgen Klinsmann hat die Fußball-Nationalspieler in nie zuvor erlebter Form auf das außergewöhnliche Länderspiel in Iran eingestimmt und einmal mehr alle verblüfft.

Auf einer spontanen Stadtrundfahrt mit der Besichtigung des Schah-Palastes "Saad Abad" stimmten sich die Akteure nur 34 Stunden vor dem Anpfiff auf die erste deutsche Partie in Teheran ein - erst danach standen Video-Studium und Training auf dem Programm.

"Man kriegt ein klein wenig ein Gefühl dafür, wo man ist. Es hat uns sehr viel Spaß gemacht", berichtete der Bundestrainer anschließend bei einer chaotischen Pressekonferenz im Mannschaftshotel: "Wir haben improvisiert und die Spieler gefragt, ob sie Lust dazu haben. Alle sind mitgekommen." Nicht nur der Stuttgarter Andreas Hinkel begrüßte die ungewöhnliche Aktion, bei der viele Profis die Eindrücke mit ihren Digitalkameras festhielten: "Das war gut und interessant."

Nach dem überschwänglichen, aber auch tumultartigen Empfang bei der Ankunft am Flughafen, für den sich Klinsmann "bei der iranischen Bevölkerung bedankte", und der 90-minütigen Besichtigungstour lenkte Klinsmann den Blick allerdings ausschließlich auf das sportliche Ziel. "Wir sind hierher gekommen, um zu gewinnen. Und die Mannschaft, die hier dabei ist, traut sich das ohne weiteres zu", erklärte der 40-Jährige. Wie auf dem Basar umlagerten Kameramänner, Fotografen und Reporter im Pressesaal des DFB-Hotels Klinsmann und Kapitän Michael Ballack. Handys klingelten, es wurde wild diskutiert. Sogar der Ansichtskarten-Verkäufer aus dem Hotel-Kiosk stand plötzlich mit dem Fotoapparat direkt vor Ballack.

Nicht nur der vom unglaublichen Rummel beeindruckte Kapitän ("Das war etwas Neues") weiß jetzt, was im Azadi-Stadion atmosphärisch auf das junge deutsche Team zukommt. Aber der "Leitwolf" bewertet die Umstände als motivierend: "Wir freuen uns auf ein Spiel vor 100 000 Menschen, das erlebt man nicht alle Tage."

Gegen das iranische Team mit Bayern-Stürmer Vahid Hashemian und HSV-Flügelflitzer Mehdi Mahdavikia, das Klinsmann zur "Elite Asiens" zählt, soll weder der äußere Rummel noch der Torhüter-Streit zwischen dem in Teheran haltenden Jens Lehmann und dem daheim zuschauenden Oliver Kahn vom Erfolgs-Auftrag ablenken. "Ich habe auch zu den Nebengeräuschen ein paar Worte an die Mannschaft gerichtet", verriet Klinsmann, der die aktuelle Rangfolge klarstellte: "Oliver Kahn ist die Nummer 1, Jens Lehmann die Nummer zwei - im Moment." Der vom Bundestrainer als "Luxusproblem" bewertete Zweikampf beeinflusse die Mannschaft nicht, betonte Kapitän Ballack.

Die wird auch im dritten Spiel nach Rudi Völler ein jüngeres Gesicht haben und risikofreudiger eingestellt sein. "Bei allem Respekt vor den Iranern - wir werden nach vorne spielen", sagte Klinsmann, der "jungen Leuten die Chance geben will, sich in der Nationalmannschaft einzufinden". Der 22-jährige Thomas Hitzlsperger (Aston Villa) hat nach den Trainingseindrücken gute Karten, im linken Mittelfeld sein Länderspiel-Debüt zu feiern, auch wenn der Bundestrainer sich noch bedeckt hielt. Auch der zweite Neuling Per Mertesacker (Hannover 96) bekam noch keine Einsatz-Garantie.

Eine Bewährungschance im defensiven Mittelfeld bekommt nach dem Ausfall des am Knie verletzten Münchners Torsten Frings der Bremer Fabian Ernst. Im Angriff soll dessen Vereinskollege Miroslav Klose, der den verletzten Kevin Kuranyi ersetzt, nach sechs Toren in der Bundesliga endlich auch wieder im Nationaltrikot treffen.

Jung und unerfahren wird vor allem die Abwehr sein, in der neben den beiden 20-Jährigen Robert Huth und Philipp Lahm sowie Andreas Görlitz oder Andreas Hinkel (beide 22) in dem 32-jährigen Christian Wörns nur ein erfahrener Recke stehen wird. "Wir schauen in erster Linie auf die Qualität und das Potenzial der Spieler", meinte Klinsmann zum konsequenten Talente-Test, der ihm durch fehlenden Qualifikations-Druck ermöglicht wird. Als Gastgeber hat Deutschland die Teilnahme an der WM 2006 automatisch sicher.

Elf der 19 Spieler im Teheran-Kader haben weniger als zehn Länderspiele, zehn sind jünger als 25 Jahre. Doch Klinsmann verlangt Verständnis von den Routiniers für den Jugendstil: "Ich erwarte von einem etablierten Spieler, dass er das schluckt." Denn das allem übergeordnete Ziel heiße Titelgewinn 2006, und Klinsmann sieht den deutschen Fußball auf einem guten Weg: "Die Mannschaft hat die Kraft und das Potenzial, Weltmeister im eigenen Land werden zu wollen."

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