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Klinsmann zeigt seine Handschrift

Der Kapitän musste die Binde abgeben, die Funktionäre werden aus der Kabine verbannt, und die Profis kommen im Training endlich wieder richtig ins Schwitzen:

dpa WIEN. Der Kapitän musste die Binde abgeben, die Funktionäre werden aus der Kabine verbannt, und die Profis kommen im Training endlich wieder richtig ins Schwitzen:

Jürgen Klinsmann hat schon in seinen ersten Amtstagen verdeutlicht, dass er in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft völlig neue Sitten einführen und eingefahrene Bräuche abschaffen will. Alles, was unter Ex-Teamchef Rudi Völler noch galt, wird von der neuen Führungstroika in Frage gestellt.

Eines wurde dabei auf der Dienstreise nach Wien sofort deutlich: Klinsmann ist der absolute Chef. Nur auf dem Trainingsplatz überlässt er Assistent Joachim Löw das Sagen und schaltet sich nur gelegentlich ein. Teammanager Oliver Bierhoff, im Nadelstreifenanzug auch äußerlich im Kontrast zum Trainerduo, hielt sich bisher aus dem sportlichen Tagesgeschäft weitgehend raus.

"Wir wollen eine Stimmung, Kameradschaft und Teamgeist über die nächsten 22 Monate aufbauen, die uns mit viel Optimismus und Selbstvertrauen zur WM 2006 bringen", verdeutlicht Klinsmann seine Maxime. Dabei setzt der Schwabe auf Erlebnisse als Aktiver ("Der Star ist die Mannschaft") sowie auf die Erfahrungen, die er nach der Fußball-Karriere mit Wirtschafts-Profis in seiner neuen Wahlheimat Kalifornien gemacht hat. Erste Regel dabei: Alte Zöpfe ab - neue Stimmung her.

Beim ersten Länderspiel-Einsatz in Österreich, zu dem er die betagten EM-Enttäuschungen Dietmar Hamann und Fredi Bobic nicht eingeladen hatte, sah das so aus: Mit der Absetzung von Oliver Kahn entzog er dem Torhüter die Sonderstellung, die dieser unter Völler hatte. Die von Löw ausgearbeiteten Trainingseinheiten waren nicht nur neu für die Profis, sondern auch ungewohnt dynamisch und erforderten eine hohe Konzentration. Mit der Reduzierung des sonst üblichen Kaders von 19 auf 16 Feldspieler schaffte er die Basis für eine intensivere Betreuung.

Die Begleiter um die Mannschaft reduzierte er auf einen minimalen Kreis von Trainern und Medizinern. Funktionäre und Betreuer bleiben künftig außen vor - Kabine, Mannschaftsbus und Essenstafeln sind allein für den engsten Zirkel reserviert. "Wir wollen der Mannschaft zeigen, es geht nur um sie", sagte Klinsmann.

Auch den seit Jahren zementierten organisatorischen Ablauf bei Länderspiel-Reisen stellte Klinsmann auf den Prüfstand - und veränderte ihn. So flogen die Spieler nach dem Prestigeduell in Wien nicht mehr in der Nacht in Learjets in die Heimat, sondern traten nach einer gemeinsamen Aufarbeitung des Geschehens erst am nächsten Morgen in Linienflügen die Rückreise an. Neu ist auch, dass sich der DFB am Tag vor dem Auswärtsspiel mit einer Pressekonferenz im Gastgeberland präsentierte. Bisher hielt man diese Geste nicht für nötig.

Mit dem Maßnahmenkatalog, der noch lange nicht abgearbeitet ist, will Klinsmann eine ganz neue Stimmung im Team und Atmosphäre um die Mannschaft aufbauen. Denn erschreckt musste er in seiner ersten Analyse feststellen, dass nicht nur der "Spirit" in der Mannschaft zu Wünschen übrig ließ, sondern dass auch das öffentliche Bild von den Nationalspielern durch deren katastrophale Außendarstellung bei der Europameisterschaft in Portugal schwer gelitten hat. In Wien logierte die DFB-Auswahl nicht mehr in einem hermetisch abgeriegelten Landhotel wie noch bei der EM, sondern mitten in der Stadt.

"Jeder soll ein Gespür bekommen, dass er ein wichtiges Glied in der Kette ist", schilderte Klinsmann sein Vorhaben. Mit der Arbeit im mentalen Bereich sieht der Weltmeister von 1990 am ehesten noch Steigerungspotenzial im deutschen Team. An den technischen Unzulänglichkeiten etlicher Auswahlprofis wird er bis zur WM in 22 Monaten nur wenig ändern können.

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