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Klinsmanns Erkenntnisse nach der Asien-Tour

Um halb sechs am Morgen war die zehntägige Asien-Tortur für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit der Landung in Deutschland beendet - nicht aber für Jürgen Klinsmann.

dpa FRANKFURT. Um halb sechs am Morgen war die zehntägige Asien-Tortur für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit der Landung in Deutschland beendet - nicht aber für Jürgen Klinsmann.

Zwischen dem elfstündigen Flug von Bangkok nach Frankfurt und der ebenso langen Weiterreise in seine kalifornische Wahlheimat bei Los Angeles nutzte der Bundestrainer die Wartezeit zu einer Bilanz des Fernost-Trips und seiner fünfmonatigen Amtszeit. Und die fiel rundum positiv aus. "Wir haben viel gelehrt und viel gelernt. Für mich war das eine tolle Lebenserfahrung", erläuterte Klinsmann bei einer improvisierten Pressekonferenz im Rhein-Main-Flughafen.

Die Tingeltour durch Japan, Südkorea und Thailand brachte Klinsmann die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein. "Ich hatte Wünsche, wie sich das Team entwickeln könnte. Und das hat sich so verwirklicht", sagte der 40-Jährige und meinte damit in erster Linie das Innenleben der neu formierten Mannschaft. "Da ist ein Fundament von beachtlicher Stärke", sagte der Coach, der immer mehr Gefallen an der Herausforderung findet, die DFB-Auswahl für die WM im eigenen Land zu präparieren: "Diese Aufgabe erfüllt mich mit unheimlich viel Stolz und Freude. Sie gibt uns eine ungeheure Motivation, aber es ist auch eine ungeheure Portion Verantwortung."

Allerdings hat Klinsmann in den letzten Tagen und Wochen auch erkennen müssen, dass ihn die Aufgabe mehr in Anspruch nimmt, als er es zu Beginn gedacht hatte. "Es ist ein Job, der übernimmt dich, der fordert dich rund um die Uhr. Ob in Japan, Südkorea, Thailand oder zu Hause in Kalifornien. Man ist mit dem Kopf ständig dabei", gestand Klinsmann. Vorgänger Rudi Völler habe Recht gehabt mit seiner Vorhersage: "Er hatte mir prophezeit, dass mich dieser Job vereinnahmen wird. Das ist so, selbst wenn ich daheim bin. Da erinnert mich meine Frau dann daran: 'Hey, jetzt könntest Du mal abschalten.'"

Dazu hat er jetzt erst einmal in der wärmenden Sonne an der amerikanischen Westküste Gelegenheit, wo er Heiligabend mit der Familie zunächst Weihnachten in deutscher Tradition und einen Tag später auf Amerikanisch feiert. Seinen ersten Wohnsitz in den USA will er auch weiterhin behalten und von dort aus die Geschäfte rund um das Nationalteam führen. "Diese Distanz ist schon wichtig. Sie tut mir gut, nicht nur um die Batterien aufzuladen, sondern auch, um die Dinge mit einem gewissen Abstand zu beobachten", erläuterte Klinsmann: "Der Abstand hilft. Es ist von Vorteil und machbar."

In den kommenden Wochen will er den Asientrip, den er spontan als "enormen Erfolg" einstuft, auch sportlich auswerten. Fünf Siege, ein Unentschieden und die ärgerliche 1:3-Niederlage in Südkorea lautet die erste Halbjahresbilanz unter seiner Regie. Dies sei ahnsehnlich, aber kein Grund zur Euphorie, warnte Franz Beckenbauer in seiner "Bild"-Kolumne: "Bis auf Brasilien haben wir gegen keinen Ernst zu nehmenden Gegner gespielt. Also bitte keine Selbsttäuschung."

Insgesamt 29 Spieler hat der neue Bundestrainer getestet, darunter acht Neulinge. Dass der 40-Jährige pauschal alle gelobt hat, liegt an seiner Grundeinstellung, zumindest zum derzeitigen Stand generell keine Kritik am eigenen Personal äußern zu wollen. Assistent Joachim Löw sieht dies schon etwas differenzierter. "Für den ein oder anderen Spieler kommt die WM 2006 vielleicht etwas zu früh", meinte er.

In der Tat erweckten nicht alle der 21 Asien-Fahrer den Eindruck, WM-Hoffnungsträger werden zu können. Zu denen, die sich nicht aufdrängten, zählen Tim Borowski und Thomas Brdaric. Von den drei eingesetzten Neulingen sammelte am ehesten der in allen drei Spielen auf der rechten Außenbahn eingesetzte Patrick Owomoyela Pluspunkte - zumal der dortige Konkurrent Andreas Hinkel von der Rolle war. Marco Engelhardt sieht sich im defensiven Mittelfeld starker Konkurrenz (Frings, Ernst, Baumann) ausgesetzt, der 21-jährige Christian Schulz präsentierte sich noch ziemlich unausgereift. Gleiches gilt - trotz seiner zwei Tore gegen Thailand - für den Kölner Zweitliga-Torjäger Lukas Podolski. "Er hat ein großes Potenzial, muss aber auch noch viel lernen", meinte Klinsmann.

Die großen Gewinner der Asienreise waren neben dem 20 Jahre alten Innenverteidiger Per Mertesacker die Platzhirsche, die ihre Hierarchie untermauert haben: Kapitän Michael Ballack, die treffsicheren Stürmer Miroslav Klose und Kevin Kuranyi, der junge Philipp Lahm und vor allem Oliver Kahn. Der von Klinsmann erst als Kapitän abgesetzte und dann als Nummer 1 in Frage gestellte Münchner erhielt ein dickes Lob für sein Bemühen, sein Einzelgänger-Dasein zu beenden. "Er hat sich der Mannschaft gegenüber geöffnet. Oliver spielt für die Zukunft eine sehr wichtige Rolle." Zumal Konkurrent Jens Lehmann seine ihm aufgetragene Herausforderer-Rolle als Ersatzkeeper beim FC Arsenal nicht ausfüllen kann.

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