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Klischees im Kanzleramt

Als die Niederländer am Mittwoch über die EU-Verfassung abstimmten, lieferte das ZDF den deutschen Fernsehzuschauern mit der Serie Kanzleramt seine eigene Version vom Zustand Europas.

Als die Niederländer am Mittwoch über die EU-Verfassung abstimmten, lieferte das ZDF den deutschen Fernsehzuschauern mit der Serie Kanzleramt seine eigene Version vom Zustand Europas. In der Folge "Salsa für Nina" ging es um die Besetzung des neuen EU-Kommissionspräsidenten. Der für den Posten vorgesehene Holländer erregt den Unmut von Bundeskanzler Andreas Weyer (Klaus J. Behrendt) wegen dessen deutschfeindlicher Haltung. Prompt zaubert der Berliner Regierungschef mit viel diplomatischem Geschick eine polnische Gegenkandidatin aus dem Hut. Am Ende macht Weyers Wunschbesetzung das Rennen. - Sauber eingefädelt, kann man da nur sagen. Kompliment für soviel Kungel-Talent. Fast wie im richtigen Leben. Als hätte Gerhard Schröder persönlich das Drehbuch zu der Folge geschrieben. Schließlich hat ja der leibhaftige Kanzler ständig seine liebe Not mit den "unseligen Holländern". Und ist nicht der wirkliche EU-Kommissionsprä sident José Barroso durch einen Kuhhandel der Staats- und Regierungschefs an die Macht gekommen? Und dessen Vorgänger Romano Prodi auch? Der Chef der Brüsseler Exekutivbehörde als Spielball in der Hand nationaler Regenten. Ein schöner Ausschnitt über die europäische Wirklichkeit, den das ZDF da geboten hat. Wer sich in Deutschland bislang noch nicht von der EU abgewendet hat, wird es nach diesem Einblick in die Arbeit der Europaabteilung des Kanzleramtes ganz sicher tun. Hoffentlich fällt den Programmplanern des deutschen Gebührenfernsehens nie eine Serie mit dem Titel "Die EU-Kommission" ein.
Schade ist, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender so selten ernsthaft mit der Europäischen Union beschäftigen. In Frankreich und in den Niederlanden wurde im Fernsehen hart und leidenschaftlich über die EU-Verfassung gestritten. Man mag bedauern, dass beide Völker sich gegen das Jahrhundertprojekt ausgesprochen haben. Aber einen pädagogischen Effekt haben die Volksabstimmungen immerhin gehabt: Sie weckten ein enormes Interesse an Europa. In Frankreich wurden in den Wochen vor dem Referendum 1 Millionen Bücher über die Verfassung verkauft. 37 Titel von 20 Autoren sind dort auf dem Markt. Die Franzosen mögen Nein gesagt haben, aber sie sind wenigstens informiert über die wichtigsten europäischen Zusammenhänge. Was man von den Deutschen nicht behaupten kann. Am Tag, als der Bundestag die EU-Verfassung ratifizierte, machte die ARD eine Blitzumfrage über das Europa-Wissen führender Mitglieder des Hohen Hauses. Das Ergebnis war eine Blam age für die politische Kaste in Berlin.
Die TV-Zuschauer in den Niederlanden und Frankreich erlebten in den Tagen vor den Referenden denkwürdige Debatten über den Sinn und die Zukunft der EU. Höhepunkt war Donnerstag, der 26. Mai. Da stellte sich EU-Kommissionspräsident Barroso im niederländischen Fernsehen den knallharten Fragen eines gewiss nicht EU-freundlichen Moderators. Und auf "France deux" debattierte die politische Elite des Landes zwei Stunden lang mit Leidenschaft und Verve. In Deutschland flimmerte zur gleichen Zeit Unterhaltung ganz anderer Art über die Mattscheibe. Die ARD feierte Christiane Hörbiger mit einer "Gala", im ZDF jodelte der "Grand Prix der Volksmusik".

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