Klose rettet dezimiertes DFB-Team
Gewagte Töne nach dem Drahtseilakt

Um Haaresbreite entgingen sie dem WM- Untergang - da sprachen die deutschen Nationalspieler tatsächlich schon vom Finale. Das hart erarbeitete 2:0 (0:0) im Gruppen-Endspiel gegen Kamerun ließ Kapitän Oliver Kahn und Co. zwar nicht überschwänglich jubeln, doch der Kraftakt am Dienstag im Shizuoka Stadium Ecopa zeigte dem DFB-Team neue Perspektiven auf.

dpa SHIZUOKA/JAPAN. "Jetzt haben wir das K.o.-System. Und wir haben alle den Traum, nach Yokohama zu fahren", machte Jens Jeremies die Endspiel-Begehrlichkeiten deutlich. "Der größte Fehler wäre es jetzt, die Spannung fallen zu lassen. Wir haben noch gar nichts erreicht", betonte Kahn, der in der ersten Halbzeit gegen den Afrika-Meister Kamerun fast im Alleingang dafür sorgte, dass Deutschland überhaupt im Rennen blieb.

"Was die Mannschaft an Kampfgeist und Moral gezeigt hat, war vorbildlich", lobte Bundesinnenminister Otto Schily die Vorstellung des dreimaligen Weltmeisters in der zweiten Halbzeit. Das fünfte Turniertor von Miroslav Klose (79.) und ein Treffer des eingewechselten Marco Bode (50.), hervorragend vom neuen deutschen WM-Helden Klose vorbereitet, kippten ein Spiel, das fatal an das WM- Aus vor vier Jahren gegen Kroatien erinnerte. Nach katastrophaler erster Hälfte und einer gelb-roten Karte für den Leverkusener Carsten Ramelow - im WM-Viertelfinale 1998 hatte Christian Wörns Rot gesehen - stand das Völler-Team nur einige Zentimeter vor dem historischen Aus nach der Vorrunde.

"Das Spiel ging ja los wie bei einer Altherren-Mannschaft. Gott sei Dank hat Kamerun seine Chancen nicht genutzt", brachte "Kaiser" Franz Beckenbauer die ersten 45 Minuten von Shizuoka auf den Punkt. Ramelow überfordert, Carsten Jancker völlig wirkungslos, Christan Ziege unkonzentriert - und auch alle anderen außer Kahn und Klose mit Riesen-Problemen. "Als wir fast draußen waren, haben wir auf einmal wieder angefangen, Fußball zu spielen. Wir haben das taktisch sehr gut gemacht in der zweiten Halbzeit", sagte Rudi Völler, sichtlich gezeichnet von 90 aufregenden Minuten, und fügte hinzu: "Wenn man mit zehn Mann das Achtelfinale schafft, ist einem jeder Gegner recht."

Im Achtelfinale am Samstag (8.30 Uhr MESZ) im koreanischen Seogwipo, wohin der DFB-Tross schon an diesem Mittwoch aufbricht, gegen den Zweiten der Gruppe B (Spanien, Südafrika oder Paraguay) muss die deutsche Elf allerdings auf Ramelow, Ziege und Dietmar Hamann (beide zweite Verwarnung) verzichten. Der schwache spanische Schiedsrichter Lopez Nieto stellte mit insgesamt zwölf Gelben und zwei Gelb-Roten Karten einen Turnier-Rekord auf. Auch der Kameruner Patrick Suffo (77.) flog noch vom Platz.

"Es ist immer schade, wenn Spieler gesperrt sind. Aber ich gehe davon aus, dass wir hier bei der WM sieben Spiele haben", stellte auch der Wahl-Engländer Hamann, mit seiner überzeugenden Defensiv- Arbeit ein Sieggarant, das gewachsene Selbstbewusstsein zur Schau. "Das sind die Spiele, wo man dann sagt, das ist eine echte Mannschaft", kommentierte Völler den Umschwung, der in der Kabine mit dem lauten Schwur "jetzt erst recht" eingeleitet wurde. Der Teamchef stellte taktisch auf eine Viererkette und ein durch den Platzverweis notwendiges 4-4-1-System um, Kapitän Kahn nahm es erfreut zur Kenntnis: "Das hat gut geklappt." Völler hatte schon vor Kamerun die Umstellung im Kopf, hielt aber zunächst am Alten fest.

Dafür klappte der Überraschungs-Effekt: Mit einem genialen Pass ermöglichte der Pfälzer Klose dem gerade ins Spiel gekommenen Bode ("Das Tor rangiert in meiner Hitliste ziemlich weit oben") den Führungstreffer. Elf Minuten vor Schluss stand Klose nach Flanke von Michael Ballack einmal mehr goldrichtig und köpfte zum 2:0 ein. Der künftige Bayern-Spieler war damit bereits vier Mal Vorbereiter von Klose-Toren. "Der Trainer hat ja gesagt, ich muss mich selber belohnen", sagte der beste Schütze des WM-Turniers in Anspielung auf Völlers Worte an seinem 24. Geburtstag zwei Tage zuvor.

"Die Hälfte aller Mannschaften muss nach Hause, wir sind noch dabei - das ist ein Erfolg", bewertete DFB-Präsident Gerhard Mayer- Vorfelder die Erfüllung des Minimal-Ziels. "In der zweiten Halbzeit hat sich unsere Mannschaft nicht verrückt machen lassen", lobte Beckenbauer, nachdem das Team zunächst förmlich um ein Gegentor gebettelt hatte. Als Kahn einen Freistoß von Pierre Wome wegfaustete, hätte Christoph Metzelder beinahe ein Eigentor fabriziert (27.). 60 Sekunden später zischte ein Kopfball des Kölners Rigobert Song knapp am deutschen Gehäuse vorbei. Den bis zum Ende drohenden Ausgleich verhinderte in der 73. Minute beim Kopfball von Etame Lauren der Pfosten, den Nachschuss von Patrick Mboma meisterte Kahn gewohnt sicher.

"Sieben Punkte, ein sensationelles Torverhältnis, mit einem Mann weniger gegen Kamerun gewonnen - da kann man zufrieden sein", kommentierte Michael Ballack den ersten Platz in der Gruppe E. "Die WM beginnt jetzt erst richtig", verabschiedete sich Kapitän Kahn aus Japan in Richtung Südkorea. Die reservierten Sitze im Lufthansa-Jumbo von Nagoya nach Frankfurt/Main am Mittwochmorgen bleiben leer.

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