Knackihemden sind draußen ein modischer Verkaufsschlager
Knackis schneiden auf

Während die deutsche Modebranche über Modemüdigkeit und Kaufunlust jammert, kommt die Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel nicht nach mit der Produktion ihrer begehrten Kollektion "Haeftling".

Das blau-weiß gestreifte Baumwollhemd trägt der Mann mit den schmalen Schultern auf dem riesigen Hof am Rande Berlins nicht freiwillig. Wer in Deutschlands größter geschlossener Anstalt, der Justizvollzugsanstalt (JVA) Berlin Tegel, trotz Kleiderfreiheit noch Knastklamotten trägt, gehört "zu den finanziell ärmsten Schweinen", erklärt Ulrich Fehlau, Geschäftsführer des Bereiches Arbeitswesen an der JVA. In der Freiheit, die bei den Schrebergärten und Bahnschienen auf der anderen Seite der kilometerlangen Mauer beginnt, ist das anders: Knackihemden sind draußen ein modischer Verkaufsschlager.

"Herr Ledesi", eine kleine Marketingagentur aus der Hauptstadt, hat diesen paradoxen Trend gesetzt und ihm einen Namen gegeben: "Haeftling. Jailwear since 1898". Hemden, Schuhe und Ledertaschen - Produkte, die Strafgefangene in Tegel schon seit mehr als hundert Jahren für den Eigengebrauch herstellen - vermarktet "Herr Ledesi"-Geschäftsführer Stephan Bohle seit Anfang September. Ein Vertrag mit der JVA soll in diesen Tagen unterzeichnet werden. Weil das Projekt "dermaßen erfolgreich" sei, habe sich inzwischen die Berliner Justizverwaltung eingeschaltet, sagt Bohle und seufzt bedeutungsvoll.

Die Knastkollektion verdankt es ihrer Entstehungsgeschichte, dass sie so schnell populär wurde. "Herr Ledesi" hatte sich an einem Plakatwettbewerb des Verbandes Mittelständischer Außenwerber beteiligen wollen - und die Waren der JVA hatten die Teilnahmebedingungen erfüllt: Das plakatierte Produkt durfte noch nie oder letztmals vor zehn Jahren kommerziell vermarktet worden sein.

"Herr Ledesi" sprach Fehlau an, und der sagte zu - aus "Jux, und weil bundesweit 6 000 Plakatwände im Handelswert von 750 000 Euro lockten". Der plakatierte Häftling mit Dreitagebart und verkrumpeltem T-Shirt habe einen so "unglaublichen öffentlichen Druck ausgelöst, dass wir öffnen mussten", sagt Fehlau, ein etwaiger Gewinn des Wettbewerbs rückte damit in den Hintergrund.

So wurde aus Jux sehr schnell Ernst, und der nur im Siegesfall geplante Vertrieb der Knastkollektion startete bereits Mitte Juli im Internet, weil das eben die billigste Vertriebsform ist. Seitdem hat "Haeftling" Erfolg - "mehr als uns lieb sein kann", sagt Fehlau. Weil knapp 3 000 Kunden mehr als 4 000 Produkte in wenigen Wochen bestellten, und damit die Nachfrage das Angebot übertraf, musste der Internethandel Ende Juli geschlossen werden - bis heute.



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