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Knapp am Fiasko vorbei

Selten war der brasilianische Präsident Lula so fassungslos wie gestern beim ersten südamerikanischen Präsidentengipfel. Gemeinsam wollten die Präsidenten die Abschlusserklärung zur Integration Südamerikas verabschieden.

Selten war der brasilianische Präsident Lula so fassungslos wie gestern beim ersten südamerikanischen Präsidentengipfel. Gemeinsam wollten die Präsidenten die Abschlusserklärung zur Integration Südamerikas verabschieden. Doch der venezolanische Präsident stellte sich plötzlich quer: "Lula, tut mir leid, ich kann das nicht unterschreiben", erklärte Hugo Chávez, seinem Kollegen, "diese Absichtserklärungen bringen uns doch keinen Schritt weiter." Die Spitzendiplomaten und Entsandten waren sprachlos: Denn der Linkspopulist Chávez ist neben Brasiliens Lula eigentlich der einzige Staatschef in der Region, der sich für ein Zusammenwachsen Südamerikas engagiert. Außerdem verstehen sich beide Staatschefs prima - vor allem im Schulterschluss gegen die USA. Chávez war jetzt sogar einen Tag früher angereist für vorbereitende Gespräche. Der Rest des Kontinents ist wenig von Brasiliens Führungsroll e angetan: Von den anderen zwölf Staatschefs waren fünf gar nicht erschienen. Und die Präsidenten Argentiniens und Paraguays verzogen sich schon vor Ende der Veranstaltung. Die brasilianische Regierung strapaziert zunehmend die Geduld der anderen südamerikanischen Staatschefs. Ständig setzt Lula Gipfeltreffen an, bei denen außer dem Gruppenfoto nichts Konkretes entsteht. Mit dem Gipfel wollte Lula inmitten seines Korruptionsskandals zeigen, dass er wenigstens außenpolitisch erfolgreich ist. Dann sperrte sich Chávez - und hörte nicht auf zu motzen: "Es stimmt doch einfach nicht, dass wir uns einig sind. Seit sieben Jahren komme ich zu diesen Treffen, erhalte bücherdicke Erklärungen - aber die Realität bleibt gleich. Diese Treffen machen viel Arbeit und bringen nichts. Wenn wir so weiter machen sind wir erst im Jahre 2200 integriert."

Lula reagierte beleidigt. Die Sitzung wurde für eine Kaffeepause unterbrochen. Sein Außenminister versuchte verzweifelt zu retten, was zu retten war. Mit allen Registern der südamerikanischen Diplomatie, beackerte er Chávez : "In höchster Bescheidenheit" flehte er, Brasilien "doch eine Stimme des Vertrauens zu geben". Die Erklärung sei ja außerdem "dem Geiste nach provisorisch" und gar kein richtiges Dokument, "wir bezeichnen sie nur nicht als Provisorium, damit sie nicht von Beginn an entwertet ist". Dem Venezolaner wurde zugestanden, dass seine weitergehenden Projekte in einer Frist von 90 Tagen analysiert würden. Genervt unterschrieb Chávez schließlich doch noch, "aus Respekt vor meinem Freund Lula" - und rettete damit den Gipfel vor einem völligen Fiasko - und Lula vor einer schweren außenpolitischen Niederlage.


Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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